bedeckt München 20°

Krimi:In den schwarzen Löchern des Lebens

James Sallis erzählt von der fiktiven Stadt "Willnot" und definiert dabei das Genre neu.

James Sallis: Willnot. Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, München 2019. 224 Seiten, 20 Euro.

Erzählen mit Blackouts, Versuche, die schwarzen Löcher eines Lebens zu füllen, die Verunsicherung zu dämpfen, die sie hervorrufen. Aber es ist, als käme mit einem Blackout überhaupt erst der Impuls zu erzählen. Mit zwölf ist Lamar Hale in ein Koma gefallen, ohne Vorwarnung, fast ein Jahr lang lag er im Krankenhaus, und trotz vieler Untersuchungen konnten die Ärzte die Ursache nicht ermitteln. Diagnostischer Blackout. "Was die Ärzte nicht wussten, was niemand wusste, war, dass ich nicht allein gewesen war. Die Besucher, die anderen, kamen zu mir, als ich dort lag. Ich weiß nicht, wann sie eintrafen, am ersten Tag oder etwas später, jedenfalls waren sie die meiste Zeit über da. Die einzige Welt und Zeit, die ich hatte, war ihre."

Das Ich als Sammelstelle, als Durchgangsstation. Wenn Lamar erzählt, von sich und von seiner Stadt, löst sich schnell die Vorstellung von fester Persönlichkeit und von einem individuellen Platz in der Gesellschaft auf, und man muss auf minimale Nuancen achten, wenn er die Ebenen wechselt, unvermittelt und fast unmerklich, vom Realen ins Fantastische, von der Gegenwart in die Vergangenheit. Oder in die Zukunft. In den Wochen, als er aus seinem merkwürdigen Koma in die gewöhnliche Welt zurückkehrte, legte er sich ein Sammelsurium zu von fremden Identitäten, auch solchen, die ihm selber unbekannt sind.

Lamar ist inzwischen der Arzt der kleinen (fiktiven) Stadt Willnot, da ist er rund um die Uhr präsent und für alle da, in seiner Praxis oder im Krankenhaus, bei Alten und Jungen, durch nichts zu erschüttern und reaktionsschnell. Er kümmert sich um den Tumor, der in einer Untersuchung bei einem Patienten überraschend entdeckt wird und so groß ist, dass er jeden Augenblick platzen könnte; um den Herzinfarkt, den der Sheriff im Dienst erleidet; um die Nachtigall mit dem gebrochenen Flügel und dem abgerissenen Schnabel, die Jenny in die Praxis bringt. Mr. Edmonds hat im Park an seinem Schlag gearbeitet und einer seiner Golfbälle hat das Tier getroffen. Lamar spürt den letzten Schlag ihres winzigen Herzens auf seiner Haut.

Ginny Farrell reicht ihm ein kleines, in ein Handtuch eingewickeltes Bündel: "Ich hatte drei Fehlgeburten, als ich verheiratet war. Man hatte mir gesagt, ich könnte keine Kinder bekommen. Aber jetzt ... habe ich eins zur Welt gebracht. Heute morgen, als der Sturm aufkam." Im Bündel ist eine Eidechse, lebendig, aber starr vor Angst. "Ist sie nicht wunderschön?"

Der Roman beginnt mit einer unerwarteten Entdeckung: "Wir fanden die Leichen zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe der alten Kiesgrube." Vier Tote, mit Kalk bedeckt. Unbekannte. Man wird im Roman nicht geklärt bekommen, um wen es sich dabei handelt und wer diese Menschen getötet haben könnte.

"Ich repariere Dinge, tue mein Bestes, dass sie wieder richtig funktionieren."

James Sallis hat in seinen Krimis immer die Grenzen des Genres gedehnt, sein bekanntester ist wohl "Drive", den Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling verfilmt hat. In "Willnot" geht Sallis über die Grenzen des Genres hinaus und definiert es neu. Das Genre, das vielleicht das geschlossenste überhaupt ist, erhält hier eine fantastische Offenheit. Das Buch stellt einen Haufen Fragen und wird wenig Antworten liefern. Einmal wird der berühmte Satz von Kierkegaard zitiert, dass das Leben rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt werden muss.

Nach dem Leichenfund - so dass man kurz vermutet, in einer kausalen Folge davon - steht plötzlich Brandon Roemer Lowndes in der Tür von Lamars Praxis, er war vor Jahren sein Patient. Jetzt ist er bei den Marines, ein Sniper, "man nennt mich heute Bobby". Er verschwindet gleich nach dem Besuch, taucht aber unerwartet wieder auf. Später wird auf ihn geschossen. Eine FBI-Agentin kommt in die Stadt und sucht nach ihm, beider Wege werden sich nie kreuzen, aber irgendwie bilden sie zusammen ein merkwürdiges Paar. Noch später stellt sich heraus, es gibt offenbar keine Unterlagen über Bobby bei den Marines. Eine unerklärliche, unerklärte Existenz.

Die großen amerikanischen Romane des vorigen Jahrhunderts - Faulkner, Wolfe, Dick, Bradbury, Irving - sind Geschichten von der Provinz, und sie sind komponiert wie eine musikalische Fuge, mit einzelnen Elementen, die sich miteinander verlaufen. "Musik war immer integraler Teil meines Lebens", erzählt James Sallis, "mein erstes großes Vorhaben als Kind war Komponist zu werden." Er hört alles, Mozart, Tschaikowsky, Mahler, Wagner und Vivaldi, nachts im Bett dringen die Honkytonk-Klänge aus dem Drive-in-Restaurant in der Straße an sein Ohr. Mit Freunden hat er eine eigene Band gegründet und tritt regelmäßig damit auf.

Er sei Handwerker, ein Bastler, erklärt Lamar einmal, "ich repariere Dinge, tue mein Bestes, dass sie wieder richtig funktionieren". Die Stadt Willnot selbst wirkt manchmal wie ein subtiles Bastelkonstrukt, wie ein Mobile, in dem die Menschen sich zu- und wegbewegen, immer wieder einen unerwarteten Zustand von Harmonie herstellen. Einen starken Beitrag dazu liefert Lamar mit seinem erfahrenen Helferteam, inklusive sein Lebensgefährte Richard, der ein Schullehrer ist.

Unterhalb dessen, was Lamar erzählt, wuchert ein Geflecht alter Geschichten und Konflikte, von unerfüllbaren Hoffnungen, die das Handeln der Menschen in Willnot mit möglichen Motiven versehen könnten. Darüber gibt es ein vielfach verschlungenes Konglomerat von erfundenen, aber fantasievoll durchgespielten Variationen zum irdischen Leben - in den Romanen, die Lamars Vater schrieb, der produktive und erfolgreiche Science-Fiction-Autor Joseph M. Hale. Er hat zeit Lebens die Pulps bedient, und hätte gern gesehen, dass der Sohn diese Tradition fortsetzen werde, er hat ihn immer mitgenommen zu Kongressen der großen verschworenen amerikanischen SF-Community, zu den Kollegen Bob Silverberg, Robert A. Heinlein, Kate Wilhelm und ihrem Mann Damon Knight, Theodore Sturgeon. In der Pulp-Fiction der Fünfziger und Sechziger wurde amerikanische Realität analysiert und fortgeschrieben, wurden ungewöhnliche gesellschaftliche Modelle und Visionen entwickelt, alternative Träume in Form gebracht.

"Der Biograf" heißt einer der Romane, den der Sohn Lamar nach langer Zeit noch einmal liest, es ist "die Geschichte eines Mannes, der Menschen aus ihrem Leben herausnimmt und sie irgendwo zwischenlagert (wir erfahren nie, wo, aber das spielt auch keine Rolle), während er ihren Platz einnimmt und sie nach zwanzig, dreißig Seiten zurück in ihr Leben entlässt, das sich aufgrund seiner Handlungen (Dinge, die sie selbst niemals tun würden) und seiner Erfahrungen (Erfahrungen, die sie niemals machen würden, die ihnen aber blieben, nachdem sie ihr Leben zurückerhalten hatten) dramatisch verändert hatte." Das klingt, als hätte der Vater Lamars merkwürdiges Koma-Erlebnis literarisch verarbeitet. Oder als hätte Lamar ein Buch des Vaters in seine Gegenwart übernommen.