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Krimi:Achill auf dem Fleischmarkt

Der Autor Un-Sun Kim.

(Foto: Verlag)

Un-Su Kim entwirft ein poetisch-böses Bild der koreanischen Gesellschaft.

Das Schicksal eines kleinen Achill in Seoul: Raeseng ist sein Name, zweiunddreißig Jahre alt, ein Einzelgänger. Ein Profikiller. Aufgewachsen zwischen Büchern, in der Bibliothek des Mannes, der an seines Vaters statt fungiert, und auch sein Auftraggeber ist, er heißt Old Raccoon, der alte Waschbär. Im Rattanschaukelstuhl dort verbrachte Raeseng seine Jugend, lesend. Wer seine Eltern sind, weiß er nicht, er wurde gefunden in der Mülltonne vor einem Nonnenkloster - es dürfte die sauberste Mülltonne sein weit und breit, meint Old Raccoon sarkastisch, vielleicht war sie deine Mutter. Ohne Familie, außerhalb einer gewöhnlichen Familienstruktur, das hat Raeseng geprägt. Einmal liest er in der Bibliothek Sophokles, und als er gefragt wird, ob das Spaß mache, erwidert er: "Ich habe keinen Vater. Deshalb verstehe ich es eigentlich nicht."

Der Roman "Die Plotter" von Un-Sun Kim ist 2010 in Südkorea erschienen, man kann ihn als zynisch-poetischen - also durchaus auch komischen - Thriller lesen, aber erst recht als eine böse Analyse der koreanischen Gesellschaft. Er erzählt, gewissermaßen in den Nebensätzen, wie die Militärdiktatur auch nach ihrem Ende weiter die Gesellschaft prägt, mit ihrer patriarchalischen Struktur, ohne einen wirklichen Vater im Zentrum. Mehr als der antiken Tragödie fühlt Raeseng sich daher den homerischen Epen nah, seine Lieblingsszene dort ist, wenn Paris, "der idiotische Prinz von Troja", dem Helden Achilles den Pfeil in die Ferse jagt, seine einzige verwundbare Stelle.

"Dämlicher Idiot - selbst ein Neunjähriger hätte es besser gewusst. Der Gedanke, dass Achilles es versäumt hatte, ausgerechnet seine gefährdete Schwachstelle zu schützen, brachte ihn auf die Palme. Diesen Tod konnte er seinem Helden nicht verzeihen." Man weiß von diesem Moment an, dass auch Raeseng einen wunden, ungeschützten Punkt hat, seine Achillesferse.

Der "Fleischmarkt" bildet in diesem Roman die koreanische Gesellschaft ab, er ist der Ort, wo Zielpersonen und Mordopfer bestimmt, die Aufträge für ihre Ermordung - inklusive vorgeschriebene Todesart - vergeben, nützliche Informationen zur Durchführung der Aktion gesammelt werden. Die erledigten Opfer landen am Ende im Haustierkrematorium des alten Bear, wo sie verbrannt und verpulvert werden bis zur Unkenntlichkeit.

Mit siebzehn hat Raeseng im Auftrag von Old Raccoon seinen ersten Mord absolviert, mit zweiunddreißig ist er schon sehr lang im Morddienstleistungsbusiness. Eine hierarchische Welt, ein Klassen-, ein Kastensystem, mit abgegrenzten Gruppen - Auftraggeber, Tracker, Plotter. Der Fleischmarkt ist ein Produkt der Militärdiktatur, aber er wurde nach deren Ende von der neuen demokratischen Gesellschaft übernommen, der Staat hat nun reichlich Mordaufträge und noch mehr die Konzerne. Ein zirkuläres, in sich geschlossenes, selbstgenügsames System. Was es in Bewegung hält, ist die Parole der Sicherheit. "Aber ganz so, wie ein Impfstoffhersteller, der vor dem Bankrott steht, am Ende nicht überlebt, weil er den besten Impfstoff der Welt herstellt, sondern indem er das schlimmste Virus der Welt züchtet, brauchen Bodyguard- und Security-Firmen den übelsten Terrorismus der Welt, nicht den besten Sicherheitsexperten. Das war Kapitalismus ...".

Und Kapitalismus ist wie die Schlange Ouroboros, die in ihren eigenen Schwanz beißt. Irgendwann gewinnen die Akteure dieses Business die Erkenntnis, dass auch sie eines Tages Zielpersonen sein werden.

Zwischen Schicksalsergebenheit und Widerstandsgeist bewegen sich die Menschen, von denen Un-Su Kim erzählt, es sind die Jungen und die Alten, die Generation dazwischen wird gebildet von farblosen Funktionären. Jung sind die dysfunktionalen Elemente des Systems, ein Killer, der plötzlich sein Opfer nicht töten will und untertaucht, ein Killer, der persönliche Motive in sein Handeln eindringen lässt, ein Opfer, das von seinem Killer eine Tötungsart erbittet, die seinen Körper ohne Male lässt, Schnittwunden oder Blutergüsse. Raeseng verschiebt, als er auf ein Opfer anlegt, einen alten General, den tödlichen Schuss auf den nächsten Morgen, er wird dann von dem Alten in seine Hütte eingeladen, zu einem einfachen Abendessen, Fleisch und Kartoffeln, und zwei Flaschen Whiskey. Wie die Killer ihre Klingen führen, ein deutsches Küchenmesser, Marke Henckels, oder ein amerikanisches Mad Dog SEAL A.T.A.K., wird so detailliert und elegant anschaulich beschrieben, wie man den Nahkampf von Homer kennt.

Die eiskalten Engel sind in Killerromanen die verletzlichsten Naturen

Wie man aus diesem Höllenkreis herauskommt, wie man Persönliches und individuelle Motive in diesen absoluten Professionalismus bringt, erfährt Raeseng durch zwei Frauen, zwei Schwestern, die das System von innen heraus sprengen wollen. Die eine von ihnen platziert, um Raeseng auf sich aufmerksam zu machen, eine selbst gefertigte Bombe in seinem Klo. "Du musst die Essenz der Alltäglichkeit werden" ist die Parole des gesamten Metiers, das bekommt Raeseng von einem Tracker-Freund erklärt: "Aber es ist wirklich schwierig, jemand zu sein, an den man sich nicht erinnert. Du musst bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Dich so lautlos und undeutlich bewegen wie ein Dunstschleier, bis du nach und nach völlig verschwindest. Lass die Menschen an dir vorbeistreichen, als wärest du gar nicht da, als wärest du Luft ... Dazu kommt, in dieser Art von Leben gibt es weder Liebe noch Hass, weder Verrat noch Kränkung, und auch keine Erinnerungen. Es ist fade und geschmacklos, farblos und geruchlos. Ob du es glaubst oder nicht: Mir gefällt dieses Leben." Apropos Achilles: Der Tod, den dieser erleidet, wartet auch auf Raeseng. Schon immer waren in den Killerromanen und -filmen die eiskalten Engel die verletzlichsten, fragilsten Figuren. Das Suizidale ist Teil ihrer Natur.

Un-Su Kim: Die Plotter. Thriller. Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Europa Verlag, München 2018. 360 Seiten, 24 Euro.