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Kostenloser Eintritt:Der höhere Wert

Ins Kunsthaus, ohne zu zahlen: Das Museum Folkwang in Essen schafft die Eintritte für Dauerausstellungen langfristig ab. Nur so lassen sich alle Bevölkerungsgruppen erreichen. Aber kostenlose Karten allein genügen nicht.

Was nichts kostet, ist nichts wert? Diese Logik ist so fest im Wirtschaftssystem und Konsumverhalten eingeschrieben, dass schon ein Preis für Plastiktüten in Höhe von zehn Cent deren Verschwendung minimieren kann. Das teurere Produkt muss das bessere sein, auch wenn man bei all den kostspieligen Kosmetika, Computer, Handtaschen am Ende doch eher für den Markennamen zahlt als für Material und Verarbeitung. Insofern mag es riskant erscheinen, Bibliotheken, Studienplätze, Museumsbesuche kostenlos oder für überschaubare Beträge anzubieten. Sofort kommt der Verdacht auf, Bildung zu entwerten, wenn man sie zu einem Gut erklärt, von dem immer genug für alle vorhanden sein sollte.

Nun ist auch die Grünanlage nicht wertlos, bloß weil die Parkwächter keinen Eintritt nehmen, und die Sonne scheint immer noch für alle. Es gibt Dinge, die so lebensbedeutend sind wie in Geld nicht aufzuwiegen. Luft und Liebe gehören dazu, und im erweiterten Sinn eben auch der Zugang zu Wissen und Kunst.

Letztere wird nicht besser, wenn sie exklusiv ist und nur Privilegierte erreicht, im Gegenteil. Kunst braucht Breitenwirkung, um sich voll zu entfalten. Die Freskisten des Mittelalters malten die Kirchen nicht nur im Chorraum aus, sie malten auch für das Volk auf den Bänken, das nicht lesen und schreiben konnte. Nicht einmal die Fürsten der Renaissance zielten nur auf ihresgleichen, wenn sie ihre Paläste zur Stadt hin öffneten. Und seit es bürgerliche Museen gibt, sind die meisten bedeutenden Kunstwerke sowieso Gemeinschaftsgüter - heute kommen die Steuerzahler für sie auf.

Jetzt hat die Stadt Essen ein Zeichen gesetzt und wird die Dauerausstellung im Museum Folkwang langfristig kostenlos anbieten. Seit 2015 hat dies bereits die Krupp-Stiftung ermöglicht. Wenn deren Förderung in zwei Jahren ausläuft, will die Stadt einspringen. Denn der Erfolg ist überragend: Seit 2014 haben sich die Besucherzahlen auf knapp 116 000 verdreifacht; besonders viele Kindern und Jugendliche aus Essen kommen, um die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Moderne zu erfahren.

In kostenlosen Ausstellungen treffen Manager auf Flüchtlinge, Schüler auf obdachlose Rentner

Vorbild für Museen ohne Eintrittsgelder sind die staatlichen Museen Großbritanniens, deren Dauerausstellungen seit 2001 kostenfrei zu besichtigen sind. Was dazu führt, dass man in der National Gallery oder der Tate Modern nie leere Säle erlebt wie in vielen deutschen Museen unter der Woche. Stattdessen treffen dort Touristen auf Londoner, Flüchtlinge auf Manager, Privatschüler auf verarmte Rentner. Wie früher in der Kirche begegnen sich im kostenfreien Museum Bevölkerungsgruppen, die einander ansonsten nur vom Hörensagen kennen. Vielleicht laufen die Besucherinnen und Besucher aneinander vorbei, doch im Akt der Betrachtung nehmen sie gemeinsam die Schätze in Besitz, die ihnen gemeinsam gehören.

Kostenfreier Eintritt allein aber führt noch nicht dazu, dass ein Museum auch bekannt und beliebt ist. Eine Studie des Berliner Instituts für Museumsforschung hat ergeben, dass dies nicht ohne flankierende Maßnahmen wie Werbung und Vermittlungsangebote gelingt. Museen brauchen Geld, um erfolgreich zu sein. Es bringt wenig, die Dauerausstellungen zu öffnen, dafür aber die Preise der Sonderausstellungen massiv zu erhöhen. Oder aber fragwürdige Kooperationen mit Produktherstellern einzugehen, die dann für ihre Artikel in Museumsschauen werben dürfen. Wer der Kunst einen Wert zuerkennt, der über das Materielle hinausgeht, muss erst einmal in sie investieren.

© SZ vom 05.02.2020

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