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Koreanische Literatur:Ein Herz, groß wie ein Apfelkern

Han Kang: Menschenwerk. Roman. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau-Verlag, Berlin 2017. 224 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Sieben Leichen und sieben Erzählperspektiven: Han Kang, die Autorin von "Die Vegetarierin", schreibt über das Massaker von Gwangju, wo 1980 die Militärdiktatur einen Aufstand brutal niederschlug.

Von Juliane Liebert

"Unsere Körper waren kreuzförmig übereinander gestapelt", beginnt das zweite Kapitel von "Menschenwerk", Han Kangs Geschichte des Massakers von Gwangju. Es ist aus der Sicht eines Toten geschrieben, Jeong-Dae, niedergeschossen in einer friedlichen Demonstration, auf einen Lastwagen geworfen und zum Verfaulen in einen Hinterhof gekarrt. Erbarmungslos ist die Szene, in klarer Sprache herangezoomt bis zu den Maden, die seine Augen zerfressen. Dazu gesellt sich ein eigenartiger Romantizismus: Seine Seele ist es, die Jeong-Daes verfallenden Körper umschwirrt, seine Geschichte erzählt. Sie scheint nichts verloren zu haben zwischen den Leichenbergen, sie wirkt so unangemessen kitschig wie das Mädchen im roten Kleid in Spielbergs "Schindlers Liste". Als ob das Grauen nicht zu ertragen wäre ohne das Übernatürliche.

Dabei ist es in den anderen Kapiteln genau andersherum: Die Seele schlüpft nicht aus, sondern in die Körper der Toten. Das Kunstvolle an "Menschenwerk" ist, dass Han Kang mittels der Macht der Erzählung Seelen in die Kadaver jagt. Sie öffnen die Augen und sprechen. Denn eigentlich sind es sieben Geschichten, die erzählt werden, sieben Erzähler. Der getötete Junge, sein Freund, seine Mutter, zwei Frauen, ein Gefangener, die Autorin. Sie erzählen von Turnhallen voller Leichen, Protest, Gefangenschaft, Folter, Liebe. Dem Glitzern eines Springbrunnens. Der Bogen, der in der Fiktion beginnt, zieht sich schrittweise in die Gegenwart, bis das Erzählte in den letzten Zügen des Romanes ins Reale schwappt. Han Kang, in Deutschland bekannt geworden mit ihrem Roman "Die Vegetarierin", ist selbst in Gwangju geboren, wo im Mai 1980 Studenten gegen die Militärdiktatur demonstrierten. Das Regime schlug den Aufstand gewaltsam nieder, ließ Hunderte Demonstranten und Zivilsten ermorden, einsperren, foltern. "Menschenwerk" ist sehr gekonnt konstruiert, vielleicht zu gekonnt. Als der Charakter Dong-Ho eine Kerze neben den Leichnam eines toten Mädchens stellt, das "die Gase, die durch die Verwesung entstanden sind" so aufgeblasen haben, dass "ihre Maße denen eines erwachsenen Mannes entsprechen", pulsiert der Kern der Flamme "wie ein kleines Herz von der Größe eines Apfelkerns". Doch die durchästhetisierte Erzählweise des Romans hat auch ihre Tücken. Obwohl "Menschenwerk" verschiedene Personen berichten lässt, gibt es keine wirkliche Individuation der Gewalterfahrung.

Die ästhetische Fallhöhe ist hoch, wenn man von einem Massaker erzählt. Entweder man erzählt eine individuelle Geschichte so nah, dass sie unmittelbar berührt. Oder aber man versucht eine strenge Form zu finden, die die Erfahrung so verfremdet, dass man sie überhaupt erst richtig wahrnehmen kann. "Menschenwerk" versucht beides. Die dadurch hergestellte Künstlichkeit ist ein Schleichpfad, der die unüberwindliche Mauer zwischen der Alltagserfahrung des Lesers und extremem Leid und vor allem gewaltsamer Vernichtung von Leben so weit durchbricht, dass man eine Ahnung von den Folgen solcher Ohnmachtserfahrungen bekommt.

Das zeigt sich in einem Detail, in dem die Konstruktion des Werkes durchbrochen wird. Ein Element, das in den ersten Kapiteln immer wiederkehrt, ist der Gestank. Der Gestank der vermodernden Schüler, die darauf warten, identifiziert zu werden. Er lässt sich nicht vertreiben, weder durch Regen noch Kerzen. Er taucht öfter auf als literarisch notwendig, durchzieht die Seiten. Er hält sich nicht an Konzept und Rhythmus des Buches.

Wenn man eine bittere Pointe in Han Kangs Erzählweise sehen will, dann vielleicht die, dass die Überlebenden mit ihren Schuldgefühlen gegenüber den Toten selbst als tote Seelen durchs Leben gehen, während die Seelen der Toten sprechen können. Wie bei Primo Levi oder Imre Kértesz würde niemand auf die Idee kommen, ihre Berichte als Sieg über die Vernichtung zu interpretieren. Poesie siegt nicht über Gewalt. Aber sie kann das Medium für die Toten sein.

© SZ vom 10.10.2017
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