Konzert Weißwurstfrühstück bei Oma

Adam Langer und Jonas Häsner träumen vom Kulturaustausch und bringen in ihrer Reihe "Comecerts" chinesische Indie-Bands nach München

Von Jürgen Moises

Das neunstündige Monumentalfilmpoem "In Course Of The Miraculous" des chinesischen Regisseurs Cheng Ran erzählt drei wahre Geschichten vom Verschwinden. Eine dreistündige Kurzfassung davon war im April beim Festival "Kino der Kunst" zu sehen, und wer sich in diesen filmischen Abenteuertrip verirrt hat, kann sich vielleicht noch an den elegischen, teilweise auch heftig aufbrausenden Soundtrack erinnern. Der stammt von Wang Wen, der in China bekanntesten Postrock- und Instrumental-Rock-Band. Ihre Musik zu "In Course Of The Miraculous", die 2017 auf vier Vinylscheiben erschienen ist, hat die Band in einem künstlich gefluteten Warenhaus eingespielt. Ein passendes Bild für die fließenden, flutenden Klänge, die das sechsköpfige Künstlerkollektiv aus der Hafenstadt Dalian seit gut 20 Jahren hervorbringt.

Live kann man Wang Wen in China in großen Hallen erleben, in München werden sie am Donnerstag in der Import Export Kantine spielen. Was ein Glück ist, nicht nur, weil man den Musikern dadurch sehr nahe kommt, sondern auch, weil sie dank Adam Langer und Jonas Häsner überhaupt in München auftreten. Ohne die beiden jungen Männer, die in München BWL und Maschinenbau studieren, hätten Wang Wen auf ihrer aktuellen Europatour nämlich einen Bogen um die Stadt gemacht. Das gilt genauso für Carsick Cars, Da Bang, Chui Wan, Hiperson und Fazi aus China, deren München-Konzerte Langer und Häsner unter dem Veranstalternamen "Comecerts" in den vergangenen zwei Jahren organisiert haben. Den Schattenspieler Fan Zheng'an haben sie im September vergangenen Jahres ebenfalls nach München geholt, mit Unterstützung des Konfuzius Instituts und anderen Helfern.

In ihrer Heimat sind "Wang Wen" die bekannteste Postrock-Band und füllen die Hallen.

(Foto: Muto)

Dass sie das alles machen, hat einerseits mit dem Zufall, andererseits mit der Biografie von Adam Langer zu tun. Der war mit 16 über einen Schüleraustausch in Hangzhou, und hatte, erzählt er im Gespräch, damals schon das Gefühl, "dass die Leute dort ganz ähnlich ticken". Nur stand da die Sprachbarriere noch im Weg. Weshalb er sich nach dem Abitur mithilfe eines Stipendiums des Konfuzius Instituts 2011 noch einmal auf den Weg machte, um an der Beijing Foreign Studies University Chinesisch zu lernen. In Pekinger Clubs wie dem legendären "D-22" oder "XP" hat er sich dort außerdem der Indierockszene gewidmet, die vielseitiger und freier sei, als wir im Westen häufig denken. Die dann aber doch etwas schwerer zu finden sei, weil die chinesische Regierung Clubs ohne Lizenz gerne mal zumauert. Aber dann geht es halt an anderer Stelle weiter.

Hört man sich jedenfalls Bands wie Wang Wen oder Carsick Cars an, dann klingt das zunächst relativ westlich. Aber es gibt teilweise auch fremdartige, chinesische Elemente, die ein bisschen irritieren. Eine Mischung, die laut Jonas Häsner bei manchen Bands sogar zu einem regelrechten Stilkuddelmuddel führt und sich durch die kulturelle Öffnung Chinas in den 80ern erklären lässt. "Damals ist die komplette westliche Musik auf die Chinesen eingeprasselt", und das alles auf einmal. Ansonsten seien, so Adam Langer, die Pekinger und Münchner Indie-Szene aber gar nicht so verschieden. So hätte auch die Pekinger Szene ihren Markus Acher, also jemanden, der wie der Notwist-Sänger, vielseitige Musiker und Alien-Transistor-Label-Chef die musikalische Entwicklung voranbringt. Nur heißt er dort Yang Haisong, singt bei der Band P.K. 14 und betreibt das Plattenlabel Maybe Mars.

Das hier in München zu vermitteln und im Idealfall einen musikalischen Kulturaustausch zu initiieren, das ist laut Langer und Häsner die zentrale Vision, die sie mit "Comecerts" verfolgen. Und es ist auch der Grund dafür, warum bei allen "Comecerts"-Konzerten lokale Bands und Musiker im Vorprogramm auftreten. Bei Wang Wen ist das die in München und Berlin ansässige Elektro-Krautrock-Band Saroos, bei Hiperson war es Tom Wu und beim allerersten Konzert der Pekinger Indierocker Carsick Cars die Garagenrockband Brave Young Years. Die hatten Langer und Häsner 2015 spontan an einem Sonntagnachmittag zusammengetrommelt, nachdem sie auf Facebook erfahren hatten, dass Carsick Cars wegen eines ausgefallenen Konzerts nach einem Ersatzort zwischen Wien und Straßburg suchen. Dieser war bald mit der Kneipe "Südstadt" aufgetan, wo Carsick Cars dann auch spielten. Die Reihe "Comecerts" war geboren.

Das mit der Übernachtung, das hat bisher immer Langers Großmutter übernommen. Und auch Wang Wen werden wieder, bevor es am Morgen danach dort das traditionelle Weißwurstfrühstück gibt, in ihrem Haus in Moosach auf einem Matratzenlager schlafen. Ein paar Musiker hat Langer dort auch schon Abspülen sehen, und meint, dass seine Oma in der chinesischen Indieszene sicher inzwischen legendär ist. Und vielleicht haben auch The Nowist oder Lali Puna von ihr reden hören, als sie mit der Vermittlungs- und Übersetzungshilfe von Häsner und Langer 2017 in China auftraten. Im April werden The Notwist dank Langer wie es aussieht übrigens auch in Südkorea spielen. Auch dort ist er schon mal als Student für acht Monate gewesen. Dort hat er Indiebands wie Byul kennengelernt, die in Südkorea mit The Notwist ein Doppelkonzert spielen, und die vielleicht mit etwas Glück und "Comecerts" Hilfe auch irgendwann einmal hier in München auftreten.

Wang Wen & Saroos, Donnerstag, 25. Januar, 20.30 Uhr, Import Export Kantine, Dachauer Str. 114