Konzert Rock'n'Rollenkonflikt

Der Kumpel als Superstar: Herbert Grönemeyer in der Olympiahalle

Von Ralf Dombrowski

Herbert Grönemeyer gefällt sich in seinen Rollen. Er liebt das Bad in der Menge, markiert wild motorisch den jugendlichen Recken und springt fortwährend in breitarmig ausholende Fußballer-Posen der Selbstbekräftigung, als müsste er sich in der ausverkauften Olympiahalle seiner Popularität vergewissern. Er versteht sich aber auch als Denker, der den Menschen Botschaften mit auf den Weg geben will, die von mehr handeln als dem Larifari der Liebe. Er will politisch sein, korrekt gegen rechts, ein Mahner gegen die Lockungen des Populismus, will aber auch unterhalten und ein pfiffiges Konzert bieten, einen "bodenständigen ehrlichen Abend mit Druck, Spaß und irgendwas dazu". Er will das perfekte Ding abliefern, was ihm im Sinne einer effektvoll präsentierten Show auch gelingt.

Trotzdem bleibt ein schaler Geschmack zurück, was daran liegt, dass die vielen verschiedenen Rollen sich nicht stimmig vereinen lassen, ohne Abstriche an den Ansprüchen nach Omnipotenz der Wirkung zu machen. Schwierig ist dabei vor allem Grönemeyers Defizit in der Selbstwahrnehmung. Er ist nicht mehr der Kumpel und Botschafter der Generation Bochum, der, eben dem "Boot" entkommen, die Sehnsüchte der Arbeiterklasse in seinen Liedern komprimiert. Die von ihm beim Laufsteg-Posing gerne beschworene Verbrüderung mit dem Publikum ist die Illusion eines Entertainment-Profis, der sich authentisch wähnt, aber schon aufgrund der Kommunikationssituation nur eine Kunstfigur sein kann. Hier sinniert nicht Herbert von nebenan schulterklopfend an der Bar und setzt sich, Verse hustend, ans Spelunken-Klavier, um Zechen-Weisheiten zu formulieren. Es ist vielmehr Grönemeyer, der Superstar, der qua seiner Position einen rund laufenden Rock-Revue-Apparat dirigiert und mehrmals in Ansagen nur mäßig selbstironisch betont, dass er eigentlich niemanden auf der Bühne duldet, der es mit ihm aufnehmen könnte.

Ähnliches gilt auch für die politischen Botschaften. Niemand wird bezweifeln, dass Deutschland "keinen Millimeter nach rechts" mehr rücken darf, wenn der soziale Frieden erhalten bleiben soll. Grönemeyer sagt es, singt es, und dabei bleibt es. Es folgt keine weitere Geschichte, die ihn betrifft, kein Wort über konkretes Engagement, keine Initiative, die er unterstützt, um das Statement in konkretes Handel zu überführen und das Publikum vielleicht sogar für eigene Aktivitäten zu sensibilisieren. Das wäre die Herausforderung. Grönemeyer aber macht das Fass auf, ohne weiter daraus zu schöpfen, er fordert das "Geistesgefecht" gegen den Populismus ein und arbeitet als erfahrener Schauspieler und Conférencier doch selbst mit den Möglichkeiten der Massenlenkung. Das spricht nicht gegen eine gute Show. Grönemeyer verausgabt sich, singt druckvoll und emphatisch, die Band spielt auf den Punkt, der Sound ist für den Raum überraschend präsent, Songs wie "Mensch", "Alkohol" oder "Musik, nur wenn sie laut ist" sind zeitlos große Lieder, die man immer hören kann. Es ist nur der Rollenkonflikt, der ein wenig irritiert. Grönemeyer ist ein Star. Er darf Diva sein, und es wird Zeit, dass er sich das eingesteht und nicht so tut, als würde er Corsa fahren.