Konzert Lieder für die graue Stadt

Phil Vetter trotzt den Mechanismen der Musikindustrie und blickt auf seinem neuen Album zurück und nach vorne

Von Dirk Wagner

Es sei ein gutes Gefühl, wenn das Album bereits am Tag seiner Veröffentlichung finanziert sei, sagt Phil Vetter, der sich für frühere Produktionen noch verschuldet hatte. Sein siebtes Album "Backyard Variations" ließ er sich darum nun über ein Crowdfunding vorfinanzieren. Auf die Art konnte er gleich ein Interesse daran sicherstellen. Erhältlich ist das Werk nun als Download und auf Vinyl. CDs hätte er in einer so hohen Stückzahl pressen lassen müssen, die er erfahrungsgemäß nicht mehr verkauft, sagt Vetter.

Als Stream über Foren wie Spotify soll das neue Album aber auch nicht mehr zu hören sein. "Ebenso könnte man alle Winzer auffordern, ihre Weine aus marktstrategischen Gründen in einen gemeinsamen Bottich zu kippen, aus dem sich alle Haushalte über ihre Wasserleitungen bedienen", schimpft Vetter über die Streamingdienste. Musiker würden daran eh nicht verdienen. Und das häufige Argument, dass wegen der Zugänglichkeit von Musik mehr Fans in die Konzerte kämen, kann Vetter auch nicht bestätigen. "Im Konzertbereich hat man ja auch so eine Art Streaming eingeführt. Da ist dann der Eintritt frei, und am Ende geht ein Hut rum, in den die Zuschauer bei Gefallen was reinlegen dürfen. Und die legen immer weniger rein, weil man sich daran gewöhnt, dass alles nichts kostet", sagt Vetter, der von seiner Musik allein ohnehin nicht leben kann.

Phil Vetter hat keine Lust auf Ausbeutung und kann gut ohne Streamingdienste leben.

(Foto: Wagmüller PR)

Das Grau, durch das der gebürtige Dachauer dem Text nach auf seinem neuen Album wandelt, beschreibt nicht nur die Straßen einer Stadt, sondern es ist auch ein düsteres Fazit, dass der Musiker zieht. Anfang der Neunziger startete er als Drummer der Punkband Garden Gang eine vielversprechende Popkarriere. Mit seiner späteren Band Big Jim spielte Vetter sogar auf den ganz großen Rockfestivals wie Rock am Ring. Trotzdem entschloss er sich, solo weiter zu machen mit einer Musik, die kompromissloser und wandelbarer seine eigenen Visionen ausdrückte. Und die nun auf dem siebten Solo-Album gleichzeitig zurückblickt, resümiert und nach vorne schaut. Einige der Songs darauf sind alte Lieder im neuen Gewand. Sei es, dass der Text verändert wurde, die Tonart oder das Arrangement. Von der ursprünglichen Version blieb da zumeist gar nichts mehr übrig. Andere Lieder hingegen entstanden erst während der Auseinandersetzung des Wahlberliners mit altem Material, das er bei der Einrichtung seines neuen Studios auf seinen Festplatten wiedergefunden hatte. "Das satte Grau der Hoffnungslosigkeit erscheint mir jetzt schon manchmal blau", singt er, um dann aber jenes gefühlte Grau mit Reggae-Rhythmen, Prog-Rock-Gitarren und beseelten Soul-Orgeln prachtvoll zu kolorieren.

Einmal mehr gelingt Phil Vetter so, als Singer-Songwriter den Song nicht als vertonten Text zu schaffen, sondern aus der Musik selbst zu schöpfen, in der die Stimme nun als weiteres Instrument fungiert. Und trotzdem singt sie dabei Texte, deren Sprachmelodie und Witz sich wohltuend auch ohne die anderen Instrumente vom Einheitsgrau der ewig gleichen Tim Bendzkos und Konsorten abheben. Und als wollte Vetter sicherstellen, dass er nicht vorrangig über seine wirklich guten Texte rezipiert wird, nutzt er, der nun schon seit Jahren auf Deutsch singt, gelegentlich auch die englische Sprache. Denn auch wenn Deutsch Vetters Muttersprache ist, bleibt Englisch doch die erste Sprache seiner eigenen Popsozialisation.

Phil Vetter und Band, Do., 16. November Milla, Holzstr. 28, 20.30 Uhr, Support: Goya Royal