Konzert Erhaben und geerdet

Die Mezzosopranistin Okka von der Damerau, hier in Giuseppe Verdis "Un ballo in maschera" vor zwei Jahren an der Bayerischen Staatsoper.

(Foto: Wilfried Hösl)

Okka von der Damerau singt die Mezzo-Partie in Gustav Mahlers "Lied von der Erde", an das sich die Kammeroper München in einer Fassung von Alexander Krampe wagt

Von Egbert Tholl

Meist hört man Gustav Mahlers "Lied von der Erde", diese große Liedsymphonie, in der Besetzung Tenor und Bariton. Aber damit da keine Missverständnisse aufkommen, stellt Okka von der Damerau gleich mal klar: In Mahlers Partiturreinschrift gehen die Sätze 1, 3 und 5 an den Tenor, 2, 4 und 6 an die Altstimme. Also mehr oder weniger an den Mezzo. Damerau ist Mezzosopranistin. Und zwar eine sehr gute.

Seit 2010 ist sie im Ensemble der Bayerischen Staatsoper, zuvor war sie an der Staatsoper Hannover engagiert. Aber in den vergangenen Jahren sang sie auch bei den Bayreuther Festspielen, an der Mailänder Scala, in Chicago, Wien, Berlin und Stuttgart. Alles eine Frage guter Organisation - als Erda für die Lyric Opera of Chicago etwa sang sie vier Jahre vor dem Engagement vor. Diese Vorlaufzeiten hält sie für "einen Fehler im System. Du musst zusagen - und wenn sich deine Stimme verändert in dieser Zeit, gegebenfalls wieder absagen". Absagen mag sie aber nicht. Was einmal ausgemacht ist, gilt. Egal, ob später eine vermeintlich viel größere Anfrage daherkommt. Der Münchner Kammeroper sagte sie im Frühsommer dieses Jahres zu. An diesem Donnerstag und Freitag singt sie den Mezzo-Part im "Lied von der Erde" in der Allerheiligen-Hofkirche. Den Tenorpart übernimmt Dean Power.

Bruno Walter nannte das "Lied von der Erde" das "mahlerischeste" von Mahlers Werken. Es beruht auf ins Deutsche übertragenen, chinesischen Gedichten, es geht ums Menschsein an sich. Während Gustav Mahler daran arbeitete, suchten ihn verschiedene Schicksalsschläge heim, er verlor seine Tochter Maria Anna, eine antisemitische Kampagne raubte ihm den Posten des Direktors der Wiener Hofoper, bei ihm selbst wurde das Herzleiden diagnostiziert, das wenige Jahre später zu seinem Tod führte. Okka von der Damerau kommentiert das bezüglich dem "Lied von der Erde" so: "Da wird alles abgefragt." Sie kennt das Werk, hat es schon einmal in Schönbergs Kammerversion gesungen. Was nun auf sie zukommt, weiß sie noch nicht ganz genau - die Noten von Alexander Krampes konzentrierter Orchestrierung hat sie noch nicht gesehen. Aber Damerau sieht nicht den allergeringsten Grund zur Sorge: Sie weiß, dass Krampe alles tut, um die Sänger zu unterstützen. Und sie kennt die Kammeroper, hat dort schon mal einen Meisterkurs für die jungen Sängerinnen und Sänger gegeben. "Inzwischen weiß ich ganz gut, was ich mit der Stimme mache. Man muss doch weitererzählen, was man herausgefunden hat."

Zwar fühlt sie sich an der Staatsoper wohl "vom Scheitel bis zur Sohle", aber es ist ihr wichtig, "dass man nicht nur das große, goldene Schiff hat". Also singt sie auch Lied und mal mit einem Chor oder eben nun mit der Kammeroper. Angesichts der Opulenz ihrer Stimme mag das zunächst verblüffen, aber erstens findet sie schon in der Orchesterfassung viele entscheidende Stellen eher zart instrumentiert, und zweitens kann sie dem Dirigenten Nabil Shehata auch sagen, dass sie "manchmal Saft unterm Hintern braucht". Sie arbeitet eh unermüdlich an ihrer Technik; lange non-vibrato singen zu können wäre zum Beispiel noch was. "Solide Technik hilft an Tagen, an denen man nicht einfach Kunst machen kann." Und noch etwas gibt einem dieser herzliche, fröhliche Mensch mit: "Ach, das Schlimmste ist doch nur, dass man sich blamiert. Das ist viel weniger schlimm, als das Publikum zu langweilen."

Kammeroper München, Okka von der Damerau und Dean Power, Do. und Fr., 29. und 30. Nov., 19 Uhr, Allerheiligen-Hofkirche.