Konzert Ein Mann geht seinen Weg

Das mit dem Fotografieren ist auch so eine Sache bei Bob Dylan: hier bei einem Auftritt beim Vieilles Charrues Music Festival 2012 in Carhaix-Plouguer in Frankreich.

(Foto: Fred Tanneau/AFP)

Das Verhältnis zwischen Bob Dylan und seinen Fans war schon immer schwierig, besonders bei Konzerten. Nun ist der "Heilige Bob" wieder auf Tour - mal sehen, was es an diesem Samstag in Augsburg zu meckern gibt

Von Dirk Wagner

"Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde." So überliefert Mose das erste der zehn Gebote Gottes, das aber die zahlreichen Darstellungen von Gott, Jesus und anderen Heiligen nicht verhindern konnte, die prachtvoll sogar Kirchen schmücken. Warum sollten Menschen darum mehr Rücksicht auf das Fotoverbot nehmen, das Bob Dylan seit Jahren in seinen Konzerten fordert? Zumal ihre unauffälligen Mobiltelefone mittlerweile bessere Bilder schießen können als mancher Fotoapparat.

Als jüngst in Wien die Zuschauer den Meister wieder beim Musizieren fotografierten, unterbrach er den Vortrag seines Evergreens "Blowin' In The Wind" und forderte vom Publikum eine Entscheidung: "Sollen wir spielen oder posieren?" Nun kann man solche Empfindlichkeiten eines Popstars als übertrieben abtun. Doch einmal abgesehen davon, dass allzu viele aufblinkende Handys tatsächlich die Atmosphäre eines Konzerts stören können, hat es letztlich etwas mit Respekt zu tun, wenn man auch dem Popstar das Recht am eigenen Bild zugesteht.

Doch Respekt war nie die Stärke der Dylan-Fans, die sich schon in den Sechzigerjahren wider besseren Wissens die heiß begehrten Eintrittskarten gesichert hatten, nur um sich dann in den Konzerten lautstark darüber zu echauffieren, dass der vergötterte Protestsänger schon wieder mit einer Rockband lärmte. So, wie er es bekanntermaßen schon auf der gesamten Tournee getan hatte. Oder sie pfiffen ihn Ende der Siebzigerjahre in Berlin aus, als er auf seiner ersten Deutschlandtournee wie andernorts auch im Glitzergewand á la Neil Diamond oder Elvis auftrat und sogar seine Klassiker mit modernen Reggae-Rhythmen aufbereitete. Als der Jude Bob Dylan sich dann noch 1979 zu Jesus Christus bekannte, um das zudem auf drei aufeinander folgenden Gospel-Alben ("Slow Train Coming", "Saved", "Shot Of Love"), zu bekunden, regten sich die Fans abermals auf. "Ich wollte Rock'n'Roll. Wenn ich eine Messe haben will, geh' ich in die Kirche", schimpfte etwa ein Mann über Dylan in einem Radiobeitrag, der damit aber noch das bevorstehende Konzert im Januar 1980 in Portland bewarb.

Von den 98 bestens dokumentierten Konzerten, die Dylan zwischen November 1979 und Dezember 1980 spielte, erschien zu der Zeit laut Clinton Heylin, Autor des 2018 auch auf deutsch erschienenen Buchs "Dylan. Gospel. Die rauen Töne der wahren Geschichte" (Fontis-Verlag) kein einziger Konzertmitschnitt auf Vinyl: "Und das von dem am häufigsten auf Bootlegs verewigten Rockmusiker aller Zeiten!" Spannend dokumentiert Heylin jenen oft als "christliche Phase" abgetanen Teil in Dylans Biografie mit Originalstimmen von Zeitzeugen und Dylan selbst. Der blickte 1984 gelassen zurück auf die, wie er einräumt, "entmutigende Reaktion" auf die Slow-Train-Tournee. An das Auf und Ab habe man sich gewöhnt, sagte Dylan damals: "Man kommt an einen Punkt, wo Lob nichts mehr bedeutet, weil man es oft aus den falschen Gründen bekommt, und genauso ist es mit der Kritik."

Dass sich die Fans aber in jener christlichen Phase an den religiösen Bezügen der Songs störten, ist umso erstaunlicher, da Dylan-Songs noch nie mit Bibelzitaten oder entsprechenden Bezügen geizten. Unter dem Titel "Dylan's Gospel" erschien schon 1969 in den USA ein Album, auf dem The Brothers And Sisters Dylan-Songs coverten, die man bis dato allerdings als politische Folksongs begriffen hatte. Dass das kein Widerspruch ist, entschlüsselt auch Jeanette Jakubowski in ihrem heuer beim Diplomica Verlag erschienenen Buch "Bob Dylan. Jüdische Alpträume, Apokalypse und Befreiung". Schließlich enthalten auch die Folksongs und die Songs einer afroamerikanischen Popkultur, die Dylan wieder geprägt hatten, biblische Bezüge. Etwa, wenn sich die Afroamerikaner sowohl zur Sklavenzeit als auch in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung mit den Juden in ägyptischer Gefangenschaft identifizierten, so wie es im Alten Testament beschrieben ist.

Wie oft in den besseren Schriften über Bob Dylan erklärt Jakubowski an ihm aber auch die Geschichte der Gesellschaft, in der Dylan wirkt. So beschreibt sie zum Beispiel, wie sehr Juden in der McCarthy-Ära einen zunehmenden Antisemitismus in den USA fürchteten. Immerhin waren es oft intellektuelle Juden, denen eine kommunistische, anti-amerikanische Haltung unterstellt wurde. In "Talkin' John Birch Paranoid Blues" trifft Dylan schon zum Beginn seiner Karriere die zynische Bemerkung, dass Hitler, egal wie viele Juden er ermordet hatte, immerhin kein Kommunist war. Prompt wurde ihm untersagt, dieses Lied in der werbewirksamen Ed-Sullivan-Show im Fernsehen zu bringen. Den Vorschlag, stattdessen einen anderen Song zu spielen, lehnte Dylan ab: "Wenn ich meinen Song nicht spielen kann, möchte ich lieber nicht auftreten."

Jeanette Jakubowski beschreibt aber auch spannend, wie Bob Dylan, der sich vom Holocaust ebenso wie von der Atombombe bedroht sieht, seine jüdische Identität mit anderen Identitäten verhandelt. Wenn er zwischenzeitlich auch mal auf Jesus setzte, war das letztlich auch nur eine notwendige Positionierung gegen das Unrecht in dieser Welt.

Bob Dylan; Samstag, 20. April, 20 Uhr, Schwabenhalle Augsburg, Am Messezentrum 5