Konzert Amore in argen Zeiten

Eros Ramazzotti, der silberhaarige Pop-Schelm aus Rom, startet in München seine Welttournee

Von Michael Zirnstein

Es schüttet wie aus Eimern, Eros Ramazzotti bleibt trocken. Einige Fans bedauern dies, sie hätten den 55 Jahre alten Römer gerne im klatschnassen Hemd gesehen wie auf dem Cover seines aktuellen Albums "Vita ce n'e" ("So ist das Leben"). Der Wolkenbruch ist ein Projektions-Trick, ein täuschend guter. Das soll nicht die Liebe sein, die vom Himmel perlt, wie später in "Se bastasse una canzone", das ist die Sintflut für die Sünden der Erde. Weil die Welt geht zu Grunde, aber "für den Rest ist alles in Ordnung", wie Ramazotti in "Per il resto tutto bene" schimpft.

Er hat das Lied auch schon mit der deutschen Schlagerstrahlefrau Helene Fischer gesungen (die er mit keinem Wort erwähnt), da geht schnell mal unter: Er ist sauer im sonst süßen Leben. Mit dieser Anklage hat er sich reingewaschen, wer's ernst meint, kann ja nicht immer nur von Amore singen in argen Zeiten. Später wird Ramazzotti noch zwei Filmchen zeigen lassen, die die Stimmung in der ausverkauften Olympiahalle drücken, weil im einen der Tod von sieben Millionen Menschen jährlich durch Luftverschmutzung beklagt wird, im anderen eine Meeresschildkröte nach einer Plastiktüte schnappt.

Auch wenn manch einer da schon das nächste Volksbegehren "Rettet Nemo!" starten will, sollte man nicht daraus schließen, der Eros Ramazzotti sei jetzt ein politischer Liedermacher. Als er neulich beim italienischen Schlagerfestival von San Remo zusammen mit Luis Fonsi auftrat, sprang er nicht etwa dem Moderator und Kollegen Claudio Baglioli bei, als der den Umgang der Regierung mit den Flüchtlingen kritisierte und dafür von Italiens Vize-Chef Matteo Salvini gerüffelt wurde. Dessen Politik soll Ramazzotti ja bereits öffentlich gelobt haben - gut für ihn, dass nicht alle hierzulande Italienisch verstehen.

Aber auf der Bühne muss man den silberhaarigen Schelm einfach gern haben. "Munschen, my love", sagt er beim ersten von zwei Konzerten in der Olympiahalle, dem Auftakt seiner "Vita ce n'e"-Welttournee. Keinen Moment zweifelt man daran, dass er es genau so meint. Wie er als Desperado mit der Westerngitarre zum Gefühls-Gangster wird in einem Medley aus "L'aurora" , "Piu che puoi" und "Adesso tu", würde er auch als Straßenmusiker überleben. Da denkt man an Ed Sheeran, aber sogleich auch an Sting, wie er "Bring on the night"-artig die Top-Band durch "Musica é" führt; an Udo Jürgens, wie er die Jovanotti-Ballade "Prima Piano" am weißen Flügel zum Strahlen bringt; an Santana, wie er - obwohl drei Weltklasse-Gitarristen dabei - selbst Solo um Solo die Skalen durchorgelt; und an Robbie Williams, wenn er kumpelig Autogramme schreibt, seine Bühnen-Schräge runterruscht wie ein Spielplatzkind (zu seinem ersten Hit "Terra Promessa" von 1984), quäkt wie Donald Duck oder die Duett-Partnerinnen Monica Hill und Roberta Grana vor ins Rampenlicht bugsiert. Und Popo-Wackeln kann er wie Shakira, nicht nur beim sommerlichen Hit "Per la strade una canzone" (hier wird Luis Fonsi nur zugespielt).

"Muchas Gracias", dankt er da, und wiegelt die Menge auf Spanisch auf: "Baila! Baila!" wird zum Schlachtruf der zweiten Party-Hälfte, was alle verstehen und im Tanz selbst bisschen feucht werden lässt unter den Armen.