Konferenz Silberstreifen am Horizont

Zur Zeit der Großen Depression zog man über die Route 66 Richtung Westen, um Arbeit zu finden. Wohin geht die Reise jetzt?

(Foto: David McNew/AFP)

Wo ist er, der Geist, der Zukunftsglaube aus dem Silicon Valley? Auf Ted-Konferenzen in München und New York sortiert sich die Welt der Optimisten nach Trumps Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen neu.

Von Andrian Kreye

Es ist schon erstaunlich, wie viele Selbstverständlichkeiten nach dem Wahlsieg von Donald Trump in kürzester Zeit infrage gestellt wurden. Die Tedx-Konferenz am Sonntagnachmittag in den Münchner Kammerspielen war zum Beispiel unter dem Motto "Good News" (gute Nachrichten) als eine Art Siegesfeier für Hillary Clinton geplant. Aber gerade das machte den Nachmittag so aufschlussreich. Denn rund um die Welt der Ted-Konferenzen bewegen sich in der Regel die Leute mit den Silberstreifen am Horizont.

Jede solcher Tedx-Konferenzen ist ein Ableger der Ted Conference. Das ist jenes amerikanischen Ideenfestival, das sich in den letzten Jahren mit seinen weltweiten Konferenzen, "Ted Talk"-Videos, Fernsehkanälen, Radiosendungen und Büchern zu einer neuartigen Medienmarke entwickelt hat. Früher war Ted ein Gipfeltreffen zwischen Silicon Valley (Technology), Hollywood (Entertainment) und Wissenschaften (Design). Heute steht die (in Amerika gemeinnützige) Organisation für Zukunftsglauben, Wissenschaftsdenken und ein fundiertes Umweltschutz- und Menschenrechtsbewusstsein.

Passen künstliche Intelligenz und Solarautos überhaupt in Trumps Weltbild?

Das sind nach Auffassung vieler Bewohner des amerikanischen Herzlands alles Anliegen jener Elite, gegen die Trump angetreten ist. Da geht es um Probleme von Menschen ganz unten oder ganz außen. Für Menschen, die Probleme lösen wollen, sind das natürlich die wahren Herausforderungen, weil es in den gesellschaftlichen Randbereichen immer um viel mehr geht als im beschwerlichen Alltag der Massen. Die Lösungen jedenfalls, die da an den Küsten gesucht werden, helfen sehr vielen Menschen nicht weiter, die sich vor allem darum sorgen, ihre Familie zu ernähren.

Im Silicon Valley weiß man es schon, dass Donald Trump die digitalen Industrien eher als Klassenfeind betrachtet, als seelenlose Konzerne, die die Arbeitsplätze seiner Wählerschaft wegautomatisieren. Amazons Jeff Bezos und Facebooks Mark Zuckerberg haben auch schon sehr versöhnliche Töne angeschlagen.

Deswegen war es doppelt bitter, Jodie Patterson zuzuhören, einer schwarzen Unternehmerin aus Brooklyn, die davon erzählte, wie sie damit zurechtkam, dass ihre Tochter ihr schon als Kleinkind klarmachte, sie sei ein Junge. Normalerweise wäre eine solche Geschichte ein wunderbares Vehikel, um die sonst oft so abstrakte Transgender-Debatte auf eine reale Ebene zu holen. Man hätte verstanden, was für ein enormer Kampf das für diese Familie aus Brooklyn war und warum man dieses Thema, wenn schon nicht mit Verständnis, zumindest mit Empathie angehen sollte.

Fünf Tage nach Trump weiß man aber, dass der Kampf der Pattersons, dem Leben ihrer Tochter eine Selbstverständlichkeit zu geben, noch lange nicht vorbei ist. Weil ja gerade solche mühsam erkämpften, neuen Selbstverständlichkeiten mit einer Offenheit und Aggressivität infrage gestellt werden, die man ahnte, aber nicht kannte.

Es gab in den Kammerspielen dann fast die gesamte Palette der Themen, die im kalifornischen Geist der letzten Jahre zur Normalität wurden. Solarbetriebene Autos, künstliche Intelligenzen für Alten- und Krankenpflege, Mentorenprogramme für benachteiligte Schüler, biologische Erforschung des Alters - alles Silberstreifen am Horizont des Fortschritts. Weil aber jeder im Saal wusste, dass sich in Washington jetzt schon eine Abkehr vom wissenschaftlichen und gesellschaftlich progressiven Denken abzeichnet, zog sich da eine Unsicherheit durch den Nachmittag, der den Zukunftsglauben an sich infrage stellte.

Nun ist die Ted Conference keine Ideologie und der Zukunftsglaube eine Befindlichkeit, kein Credo. Deswegen begann auch in München umgehend die Fehleranalyse. Der Spezialist für Wahlvorhersagen Andreas Graefe trat auf, zeigte detaillierte Tafeln, welche Verfahren bei solchen Prognosen welche Schwächen haben.

Der Schlüsselsatz aber kam etwas später bei einem Bühnengespräch, das Mitveranstalter Gregor Wöltje mit Graefe und dem SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach zum Wahlausgang führte (Hinweis in eigener Sache: Wolfgang Krach hatte die neuen Arbeitsmethoden bei der Recherche der Panama Papers vorgestellt). Wahlumfragen, so Graefe, erreichten in den USA und Europa einen Großteil der Wähler nicht mehr. Weil sie nicht antworten, sich verweigern. Und ja, das sind die Wähler von Populisten wie Donald Trump und AfD.

Nun sieht der kalifornische Geist, der die letzten Jahre ja durchaus für produktiven Optimismus gesorgt hat, Resignation und Zynismus nicht vor. In New York hatte es deswegen auch ein kurzfristig anberaumtes Gespräch zwischen dem Chef der Ted-Organisation und dem Politikpsychologen Jonathan Haidt von der New York University gegeben (www.ted.com/talks/jonathan_haidt_can_a_divided_america_heal). Es ging um die Spaltung der Gesellschaft, die sich in Amerika und Europa so heftig manifestiert wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

"Es gibt ein geradezu apokalyptisches Grundgefühl, sagte Haidt da. "Die Menschen haben richtige Angst, weil sich das alles schon sehr anders anfühlt als je zuvor." Er warnt aber auch vor dieser Untergangsstimmung. Psychologisch sei dieser Zustand durchaus zu erklären. Es sei ja nicht so, dass so viele Menschen wirklich Rassisten seien. Solange es allen gut geht, solange die gesellschaftliche und moralische Ordnung stabil sei, sei das Gros der Bürger auch offen und tolerant. Doch wenn sich das Gefühl verbreite, die Dinge liefen aus dem Ruder wie in den Jahren nach der Finanzkrise, dann kämen anachronistisches Stammesdenken und ein Hang zum Autoritarismus zum Vorschein: "Dann werden die Leute rassistisch, homophob, sie wollen die ausstoßen, die von der Norm abweichen."

Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, stoßen die Leute alle aus, die von der Norm abweichen

Mit Vernunft kommt man da nicht weiter. "In der Moralpsychologie kommt die Intuition immer vor dem logischen Denken. Deswegen kann man politische Streitigkeiten auch nicht mit Vernunft und Fakten gewinnen. So funktioniert das nicht." Vor allem, seit der Durchlauferhitzer der Argumente den üblichen Ärger in Ekel verwandelt habe. "Ekel sitzt sehr viel tiefer. Der verfliegt nicht."

Einen Silberstreif sieht aber selbst Haidt: "Die Kluft zwischen links und rechts ist die tiefste Kluft, die wir haben. Jetzt ist der Moment, an dem die Menschen begreifen, dass wir an einem Wendepunkt stehen. Jetzt muss die Arbeit beginnen. Denn das wird die wichtigste Arbeit der nächsten 50 Jahre bleiben."