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Kommentar:Salzburger Zocker

Christian Thielemann möchte bei den Salzburger Osterfestspielen im Jahr 2022 Wagners "Lohengrin" dirigieren. Der designierte Intendant Nikolaus Bachler ist dagegen. Über einen wunderbar weltfremden Streit und ein paar wichtige Fristen.

Von Helmut Mauró

Was wäre Salzburg ohne die internationalen Sommerfestspiele, das nachtaktiv lärmende Partyvolk, die winterliche Mozartwoche, die fröhlichen Pfingstfestspiele, die ganzjährige Getreidegassenprozession und nicht zuletzt die Osterfestspiele? Damit auch die öffentlichkeitswirksam wahrgenommen werden, wird nicht nur das Festspielhaus, sondern auch die Medienklaviatur bespielt. Am besten in nachrichtenarmen Ferienzeiten: Fast alle haben sich jüngst mit dem Problem befasst, ob man in der Alpenprovinz 2022 Wagners "Lohengrin" spielen soll oder nicht.

Das wirkt wunderbar weltfremd, aber in Salzburg reicht das für großes Theater. Wie immer geht es um die Frage, wer in dieser Stadt das Sagen hat. Deshalb treten Politiker wie der Landeshauptmann Wilfried Haslauer auf den Plan, dazu aber auch Kulturstrippenzieher aus der näheren und ferneren Umgebung. Dazwischen agiert der Dirigent Christian Thielemann. Der hat zwar mit seiner Sächsischen Staatskapelle Dresden das künstlerische Platzhirschrecht, andererseits schiebt sich über ihn langsam der Schatten des ab 2022 regierenden Festspielintendanten Nikolaus Bachler, derzeit Chef der Bayerischen Staatsoper.

Bachler ist ein kluger, aber hartnäckiger Entscheider, Thielemann ein unnachgiebiger Kämpfer in eigener Sache, der es liebt, sich in Machtkämpfen medienwirksam zu bewähren. Das hat er bei seinem Abgang in München gezeigt, bei der Abwehr eines ihm unliebsamen Regisseurs und designierten Intendanten in Dresden, und auch bei den Salzburger Osterfestspielen wirft er sich schon mal in Position.

Ein Brief drang an die Öffentlichkeit, den Thielemann an den Aufsichtsrat der Festspiele schrieb. Er, Thielemann, habe "unmissverständlich deutlich gemacht", dass er "eine Zusammenarbeit mit Herrn Bachler" ausschließe. Thielemann pocht auf seine Berufung als künstlerischer Leiter, dem alle Programmentscheidungen zustünden. Bachler sieht dafür keine vertragliche Grundlage. Mit ihm werde es keinen "Lohengrin" geben, Thielemann habe ihn schon zu oft geboten.

Die Dresdner Staatskapelle sagt, ihr Vertrag sei eine "direkt mit den Osterfestspielen getroffene Vereinbarung", nach der alle künstlerischen und planerischen Fragen vom Festspiel-Intendanten, dem künstlerischen Leiter und der Geschäftsführung der Staatskapelle gemeinsam entschieden werden. Nach Auskunft der Festspiele besteht der Vertrag dagegen zwischen dem Freistaat Sachsen und der Osterfestspiel-GmbH und ist an den Chefdirigentenvertrag von Thielemann gebunden.

So oder so: Der "Lohengrin" ist ja nun erst für 2022 geplant, der Vertrag dagegen läuft bereits 2020 erst einmal aus. Ob er verlängert wird? Thielemann und seine Sächsische Staatskapelle sollten sich nicht für unersetzbar halten. Mit diesem Hochmut scheiterten schon ihre Vorgänger aus Berlin - und machten den Weg frei für die Dresdner.

© SZ vom 31.08.2019

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