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Kommentar:Der Dresdner Raub ist kein Witz

Wenn Kunst verloren geht, bilden sich schnell zwei Lager. Die einen sehen die nationale kulturelle Identität in Gefahr. Die anderen finden so viel Pathos lächerlich und beklagen Geldverschwendung. Beide Lager irren sich.

Wenn Kunst verloren geht, wie beim Brand von Notre-Dame in Paris oder dem Raub der Juwelen in Dresden, bilden sich schnell zwei Lager. Die einen sprechen vom "Anschlag auf die kulturelle Identität aller Sachsen" (so der sächsische Innenminister Roland Wöller) oder wollen, wie der französische Präsident Emmanuel Macron anlässlich des Wiederaufbaus von Notre-Dame, "den Erzählfaden des nationalen Projekts" wiederfinden.

Die anderen finden so viel Pathos lächerlich und fordern, das Geld lieber für Sozialprojekte auszugeben als für die Renovierung von Kirchen und Museen, in denen die Schätze verstorbener Herrscher aufbewahrt werden. Sie witzeln, wie jetzt der Satiriker Jan Böhmermann und zahllose Netznutzer, über diejenigen, die sich im Innersten erschüttert fühlen von der Zerstörungswut der Diebe.

Beide Lager irren. Die einen hängen einem ahistorischen Narrativ nationaler oder regionaler Kultur an. Große Kunst entsteht jedoch im interkulturellen Austausch. Die Gotik war eine Bewegung von Fachkräften und Denkern aus ganz Europa. Die Juwelen aus Sachsen reisten von noch weiter her an, und die besten Goldschmiede am Hof Augusts des Starken kamen aus der Gegend von Ulm. Verloren gegangen sind nicht die Bausteine einer spezifisch sächsischen oder französischen Identität, sondern Kulturzeugnisse aus dem Erbe der Menschheit.

Was nicht heißt, dass nicht die Dresdner den gestohlenen Diamanten-Degen besser kannten als die meisten Kieler und so nun auch besonders betroffen sind. Kunstwerke einer Region prägen das Selbst- und Weltbild vieler Bewohner. Etliche Würzburger identifizieren sich mit den Tiepolofresken in der Residenz, Kölner mit ihrem Dom. Sie tun das auch deshalb, weil diese Schätze nicht mehr Obrigkeiten gehören, sondern allen Bürgerinnen und Bürgern. Die haben alles Recht, Kunstverluste emotional zu betrauern.

Die Witzemacher dagegen reduzieren die Bedeutung von Kunst auf das Geld, das angeblich anderswo besser investiert wäre. Sie leisten damit den Mechanismen eines globalen Kapitalismus Vorschub, der die Gegenwart über alles setzt und historisch gewachsene Unterschiede nicht als Vielfalt feiert, sondern nivelliert. Man kann sich aber an Kunst erfreuen, ohne sie zu einem nationalen Projekt umzudeuten oder sie gar über die Schätze anderer Weltgegenden erheben zu wollen.