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Kolumne Mediaplayer:Meister des Mysteriösen

Unheimlich: Scott Glenn in der Mysteryserie „Castle Rock“, von den Executive Producern Stephen King und J.J. Abrams.

(Foto: Hulu)

Die Serie "Castle Rock" spinnt das Stephen-King-Universum fort, das in der gleichnamigen Kleinstadt spielt. Dort steht auch das Shawshank-Gefängnis, wo diesmal das Böse selbst eingesperrt wird.

Was der Sünde Sold ist, darum kreist diese Serie, immer wieder spielt sie durch, was wir zu zahlen haben für unsere Fehler, an Todesangst und subversiver Lust, mit der zirkulären Beharrlichkeit einer Predigt. Stephen King und J. J. Abrams sind als Executive Producers genannt, die zwei großen Meister des Mysteriösen.

Kontinuität schafft Ordnung, belehrt uns gegen Ende der Serie ein junger Mann, proper gekleidet wie ein Privatdozent, ohne Kontinuität gäbe es nichts als Konfusion in Raum und Zeit. Er spricht dann auch von den Erfahrungen der Alzheimer-Krankheit. Die Serie hat in diesem Moment das Prinzip der Kontinuität längst aufgegeben, hat die Wirklichkeitsebenen gewechselt, mehrfach. Anfangs hat der junge Mann, als er im Shawshank-Gefängnis des Städtchens Castle Rock auftauchte, die absolute Unordnung verkörpert, Chaos und Zerstörung. Das Böse, den Teufel. Er ist für alle immer nur The Kid, manchmal nennt man ihn auch Nick. Bill Skarsgård spielt ihn, der in den neuen It-Verfilmungen der böse Clown Pennywise ist.

Castle Rock ist eine Serie nach Stephen King. Keine Verfilmung, sondern eine vibrierende Schöpfung aus dem Geist seiner zahllosen Werke. Ein Digest, ein King-Sammelsurium. In dem fiktiven Städtchen Castle Rock im Bundesstaat Maine spielten "The Dead Zone", "Cujo" oder die Kurzgeschichte "The Body", Vorlage für den Film "Stand by Me". Und dort steht auch Shawshank, das privat geführte Gefängnis, das man aus "The Shawshank Redemption" kennt (bei uns: "Die Verurteilten", eben wieder auf DVD herausgekommen bei Warner).

In einem Kellerbereich von Shawshank, von dem niemand wusste, wird, am Tag, als der Gefängnisdirektor spektakulär Selbstmord beging, ein Käfig mit dem Kid darin gefunden. Der Direktor hat ihn dort eingesperrt über Jahre hinweg, Gott hat ihm den Auftrag gegeben, ihn zum Wärter, zum Wächter über das Böse gemacht. Sperrt ihn weg, die Parole des Direktors hat inzwischen einen eigenen Klang im politischen Diskurs der USA. Immer wieder hat der Direktor den Jungen gemalt, und dieser zeigt, anders als das Bild von Dorian Gray, keine Spuren des Alterns auf der Reihe der Porträts.

Mit den Serien kam das Böse in die amerikanische populäre Kultur

Castle Rock ist das Zentrum der Verlorenheit, der Hoffnungslosigkeit, eine heruntergekommene Stadt, ohne Zukunft, also auch ohne Vergangenheit. 2002 hat Gott sich von ihr abgewandt, seitdem gibt es immer wieder mysteriöse, schreckliche Ereignisse - ein Helikopter-Aufprall, ein Schulbus, der von einem Schnellzug auf den Gleisen erfasst und zertrümmert wird, man sieht das in einer Perspektive von ganz oben, aber es ist wohl nicht Gottes Blick, den die Kamera da evoziert.

Mit den Serien kam das Böse in die amerikanische populäre Kultur, nun konnte man sich definitiv nicht mehr der Illusion hingeben, das Erzählen in Kino und TV sei gemacht, um der Welt Ordnung zu geben, einen Sinn und ein Narrativ. Es war immer subversiver, wollte das Prinzip der Kontinuität durcheinanderwirbeln. Jede Einstellung ist im Kino eine Welt für sich, die Beziehung zur nächsten muss erarbeitet werden beim Zuschauen - man kann Castle Rock sehen wie die amerikanische Variante eines Godardfilms.

The Kid ist stumm, wenn man ihn findet, er formuliert nur den Namen des Anwalts, den er haben will, Henry Matthew Deaver, das ist einer, der meistens Todeskandidaten vertritt. Er war einst zu Hause in Castle Rock, weiß, wie man durch diverse Realitäten wandelt. Als Kind war er mal mehrere Tage im Wald verschwunden, erfuhr, wie gefährlich das Prinzip der Identitäten sein kann. Seine Adoptivmutter Ruth wird verkörpert von Sissy Spacek, sie leidet an Alzheimer, markiert ihre Gegenwart, indem sie die Figuren eines Schachspiels in den Räumen verteilt, wie die in den Wald geschickten Kinder im Märchen Hänsel und Gretel. Henrys Adoptivvater war der Prediger von Castle Rock. Der Sünde Sold, was man zahlen muss für seine Sünden, ist der Tod. Das ist ein Satz aus dem Brief von Paulus an die Römer, 6,23. Romans heißt auch die letzte Folge der ersten Staffel (die zweite läuft gerade im amerikanischen Fernsehen).

Die erste Staffel "Castle Rock", von Stephen King und J. J. Abrams, ist auf DVD bei Warner erschienen.