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Kolonialroman:Holistische Herausforderungen

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Unterwegs im Auftrag der Ostindien-Kompanie: die Brüder Schlagintweit.

(Foto: imago images / UIG)

Christopher Kloebles Kolonialismus-Roman "Das Museum der Welt" stimmt vorne und hinten nicht.

Von THOMAS STEINFELD

Im Herbst 1854 brachen die Brüder Schlagintweit zu einer Expedition nach Indien auf: drei junge Männer aus München, die gleichwohl schon einige Erfahrung als Alpinisten wie als Botaniker und Gletscherkundler erworben hatten. In den folgenden knapp drei Jahren erkundeten sie, im Auftrag der Britischen Ostindien-Kompanie wie des preußischen Königs, große Teile des Subkontinents, wobei sie sich vor allem auf den äußersten Norden und die Grenzgebiete zu Nepal, Bhutan und China konzentrierten.

Ihre Forschungen galten dem Erdmagnetismus und der Flora, sie vermaßen das Land, sie fotografierten die Bevölkerung und betrieben eine Typologie der Rassen. Zwei von ihnen kehrten mitsamt umfangreichen Aufzeichnungen, Funden und Artefakten nach Deutschland zurück, im eigenen Land bald hochgeehrt, in Großbritannien eher umstritten. Der dritte Bruder, Adolph, wurde im August 1857 in der uigurischen Stadt Kaschgar als mutmaßlicher chinesischer Spion enthauptet.

Der Held der Geschichte ist Übersetzer, Führer, Agent und zwölf Jahre alt

Wie gut die Expedition der Brüder Schlagintweit dokumentiert ist, zeigte zuletzt eine Ausstellung des Deutschen Alpenvereins im Jahr 2016 im Alpinen Museum München. Aus diesem Material schöpfte der Schriftsteller Christopher Kloeble, in Berlin und Delhi zu Hause, den Stoff zu einem Roman, der mit dem Prinzip der Ausstellung zumindest spielt. "Das Museum der Welt" heißt dieses Buch, wobei mit dem Wort Museum nicht nur die Sammlungen gemeint sind, die von den Brüdern nach Europa geschafft wurden. Ein Museum hat auch der Held der Geschichte im Sinn, der zu Beginn etwa zwölfjährige Bartholomäus, der die Brüder Schlagintweit auf ihren Reisen durch Indien begleitet, als Fackelträger, als Kalfaktor, als nur bedingt zuverlässiger Dolmetscher und Vertrauter sowie, wie sich nach einiger Zeit erweist, auch als Agent einer indischen Unabhängigkeitsbewegung. "Museum" nennt dieser Heranwachsende ein Notizbuch, in dem er seine Geschichte der Expedition festhält, gegliedert nach nummerierten "bemerkenswerten Objekten", die jeweils zum Anlass einer Fortschreibung der Geschichte werden.

Der Einfall ist vertraut. Zuerst war er vermutlich Giulio Camillo gekommen, einem venezianischen Gelehrten, der um das Jahr 1550 eine Schrift mit dem Titel "L'idea del Teatro" verfasste, ein "Gedächtnistheater", in dem das Weltwissen aufgehoben sein sollte. Orhan Pamuk reduzierte den Einfall in seinem Roman "Das Museum der Unschuld" (2008) auf das Maß eines Menschenlebens. Der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor benutzte das Konzept für sein Buch "Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten" (2010), in dem er die Idee des Museums mit dem Prinzip eines Kaleidoskops verknüpfte.

Ein Verfahren ist dabei allen diesen Versuchen gemein: Ein Museum ist ein Raum, was auch bedeutet, dass man darin sehr viele und sehr verschiedene Dinge gleichzeitig unterbringen kann. Und nicht nur unterbringen, sondern auch: ordnen, verknüpfen, entfalten, unter Umständen sogar in einer Intensität und Vielfalt, die den Gedanken an eine Wiederholung der Welt entstehen lassen. Eine Schrift aber lässt sich nur in zeitlicher Folge wahrnehmen, Wort nach Wort, Satz nach Satz, Kapitel nach Kapitel. Ein Museum in Schriftform ist daher nur durch Reduktion zu gewinnen, durch Fragmentarisierung und Verkürzung. Und das bedeutet auch: in einer Art Komplizenschaft zwischen Autor und Leser, in dem Letzterer aus eigenem Wissen und Denken hinzufügt, was Ersterer ihm verschweigen muss.

Einige Formulierungen sind nicht nur ungeschickt, sondern falsch

Christopher Kloeble ist kein Debütant. "Das Museum der Welt" ist sein vierter Roman. Eine Vorstellung davon, dass es so etwas wie eine Ökonomie des Schreibens gibt, scheint ihm allerdings fremd geblieben zu sein. Stattdessen stattet er seinen schmächtigen Helden und Ich-Erzähler mit genialischen Fähigkeiten aus: Er beherrscht mindestens so viele Sprachen, wie er Jahre zählt. Er ist ein Menschenkenner, ein Meister der Verstellung und ein Souverän der Weltweisheit. In einem fort bringt er Sentenzen der erschütternden Art hervor: "Jede Familie zerbricht irgendwann", "Jeder ist anders einsam" oder "Jedes Objekt der wissenschaftlichen Untersuchung verändert sich, wenn es betrachtet wird". Aber es geht noch übler: "Unentschlossenheit ist eines der schwersten Objekte der Welt und ich muss sie die ganze Zeit tragen." Kopf hoch, möchte man da in dieses Selbstfindungsseminar rufen, auch sich selbst zum Trost, das Buch ist doch bald zu Ende.

Hinzu kommt ein beträchtliches Maß an nicht nur ungeschickten, sondern auch falschen Formulierungen. Über Alexander von Humboldt behauptet der Erzähler, dieser habe vermutet, "dass vor allem in den Gebirgsregionen außergewöhnliche wissenschaftliche Erkenntnisse auf ihre Entdeckung warten" - als hätte sich Humboldt der akademischen Antragsprosa des 21. Jahrhunderts befleißigt. Seinem Herrn empfiehlt der Zwölfjährige an einer Stelle, "ein Fenster in die Zukunft zu malen". Ferner benutzt er, ein indischer Knabe um die Mitte des 19. Jahrhunderts, das Wort holistisch. Er kann scheinbar und anscheinend nicht auseinanderhalten: "Scheinbar kann er es kaum erwarten, sich dieser Herausforderung zu stellen." Herausforderung! Nach englisch challenge (spätes 20. Jahrhundert). Und als wäre das alles nicht schlimm genug, soll dieses Buch ein Abenteuerroman, ein historisches Reisebuch, ein Entwicklungsroman und ein antikolonialistisches Manifest zugleich sein. Und wenn man einen Überseekoffer nähme, und wenn man zwölf Elefanten und einen Papagei zugleich daraufsetzte: Man bekäme das Ding nicht geschlossen.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2020. 528 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 14.05.2020
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