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Kolonialismus:Das kannibalische Museum

Elefantenmaske aus Kamerun:

Elefantenmaske aus dem Grasland von Kamerun.

(Foto: ©MKB, Peter Horner)

Auch die Schweiz war verstrickt in das koloniale Projekt. Die Aufarbeitung in den ethnologischen Häusern reicht nicht aus.

Spätestens an der Wand mit den menschlichen Schädeln setzt das Unbehagen ein. Etwa ein Dutzend dunkle Augenhöhlen blicken die Museumsbesucher an, mit Schmuck besetzt, übermodelliert oder bemalt. Sie erzählen von Ahnenverehrung, von Kopfjagd, vom Handel mit Schrumpfköpfen. Vor allem aber bezeugen sie eine rücksichts- und respektlose Sammelwut, die europäische Reisende und Forscher bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erfasste.

Unter diesen Sammlern waren auch Schweizer. Obwohl ihr Land sich nicht direkt am kolonialen Wettstreit um die Überseegebiete beteiligte, waren viele Schweizer in koloniale Projekte eingebunden - als Investoren, Handelspartner, Missionare, Forscher oder Söldner. Ein historisches Kapitel, das im kollektiven Gedächtnis der heutigen Schweiz nicht viel Raum einnimmt. Nun zeigt das Museum der Kulturen in Basel, eines der größten ethnografischen Museen des Landes, wie sehr koloniales Denken auch in der Schweiz seinen Platz hatte.

Die Ausstellung "Wissensdrang trifft Sammelwut", zu sehen noch bis Januar 2020, möchte "problematische Arbeitsfelder" beleuchten, "die sich aus der Geschichte der Institution, aus den Umständen des Sammelns ... ergeben". Räume in den Räumen erwarten die Besucher: von neonfarbenen Balken eingerahmte Kammern, begehbar und doch geschützt.

Die Kuratorin Beatrice Voirol versammelt darin jene der 320 000 Objekte der Sammlung des Museums, die heute Fragen aufwerfen. Wie sehr haben europäische Museen zum Beispiel die Nachfrage nach sensiblen Materialen wie Elfenbein, Federn oder Tierhäuten angekurbelt? Warum haben Forschungsreisende wie verrückt Waffen gesammelt? Und welche Rolle spielten Kolonialkriege dabei? Warum zeigten ethnologische Museen bis vor Kurzem noch lebensgroße Menschenmodelle, die Menschen auf rassistische Weise klassifizieren? Antworten auf diese Fragen liefert die Ausstellung nur teilweise.

Offen bleibt vor allem, wie die Basler Sammler an die vielen menschlichen Überreste, an Schädel, Knochen und Skalpe kamen? Während die meisten Museen diese Objekte inzwischen aus ihren Vitrinen genommen haben, sind sie in Basel weiterhin zu sehen - allerdings im Zusammenspiel mit menschlichen Überresten aus Europa: bemalten Schädeln aus Österreich etwa oder einem schweizerischen Katakombenheiligen.

"Restitution hat für mich etwas Statisches", sagt die Baseler Direktorin

Seit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Ende 2017 angekündigt hat, afrikanische Kulturgüter aus französischen Museen an ihre Herkunftsländer zurückzugeben, müssen sich auch die anderen ehemaligen Kolonialmächte fragen lassen, warum so viele afrikanische, asiatische und ozeanische Schätze in ihren Depots lagern. Muss man auch der neutralen Schweiz, die nie Kolonien besaß, die keine Kolonialkriege geführt hat, diese Frage stellen?

Das Museum der Kulturen gibt darauf keine klare Antwort: "Auch wenn die Schweiz nie Kolonialmacht war, steht ihre Beteiligung - und damit auch die der Museen - an dem 'kolonialen Projekt' fest", so die Ausstellungsmacher. Restitutionen sind für Anna Schmid, seit 2006 Direktorin des Museums, dennoch nicht zwingend. "Offenheit ist für mich oberstes Prinzip für alles was da kommt", sagt sie. Manchmal könne eine Rückgabe die Lösung sein, wie bei dem tätowierten Maori-Schädel, den ihr Museum 2016 nach Neuseeland restituiert hat. In anderen Fällen halte sie Rückgaben nicht für das richtige Mittel. "Restitution hat für mich etwas Statisches, etwas Abgeschlossenes."

Schmid und ihre Kuratorin Voirol berichten stattdessen von ihren langjährigen Kontakten zu den Urhebergesellschaften, von Austauschprogrammen mit Künstlern, von Ausstellungen, die in Basel, aber auch in den Herkunftsländern gezeigt wurden. Manche Gemeinschaften, sagt Voirol, würden es schätzen, dass ihre Kulturgüter in der Welt verstreut sind und ihrer Kultur als "Botschafter" dienen.

Kooperation und Dialog: Ist das ein typisch schweizerischer Ansatz? Das findet zumindest Schmid, die aus dem Schwarzwald stammt: "Es gibt hier einen Grundsatz, der heißt: Diskutieren wir, sprechen wir darüber." In deutschen Museen habe sie das anders erlebt. Da seien die Türen eher geschlossen worden, als die Frage nach der Herkunft der Objekte aufkam. Die Idee zur aktuellen Ausstellung, das ist Schmid wichtig, sei schon vor Macrons Rede entstanden.

"Eine Involviertheit der Schweiz gab es nur indirekt", meint Esther Tisa vom Museum Rietberg

Auch andere ethnologische Museen in der Schweiz haben die Themen Provenienz und koloniale Verstrickung vergleichsweise früh in Angriff genommen. In Neuchâtel etwa wagte sich das Ethnografische Museum schon 2002 an seine problematischen Wurzeln heran. In der Ausstellung "Le Musée Cannibale" thematisierte es die Sehnsucht des Westens nach dem exotischen anderen, den Wunsch, sich aus dem kulturellen Fundus dieser anderen zu "ernähren" - und damit die ausbeuterischen Beziehungen zwischen Museen und Herkunftsgesellschaften.

Das Zürcher Museum Rietberg, das sich außereuropäischer Kunst widmet, hat seit mehr als zehn Jahren eine eigene Abteilung für Provenienzforschung. "Zunächst lag unser Fokus klar auf NS-Raubkunst", sagt die Historikerin Esther Tisa, die die Abteilung leitet. Seit einigen Jahren spielt die Kolonialzeit in ihrer Forschung eine größere Rolle.

Bei der Untersuchung der Kunstwerke aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria, stellte sich heraus, dass es sich bei dreien der 16 Objekte mit großer Wahrscheinlichkeit um Raubkunst handelt: Sie stammen aus der "Strafexpedition" britischer Kolonialtruppen gegen das Königreich im Jahr 1897. "In diesen Fällen sind wir offen für Restitution oder andere Formen der Einigung", sagt Esther Tisa. "Forderungen gab es aber noch keine." Seit Dezember gibt das Museum mit der Ausstellung "Die Frage der Provenienz" Einblicke in die Geschichte seiner Sammlung.

Viele Häuser haben kreative Wege gefunden, mit ihrem schwierigen Erbe umzugehen. Ähnlich wie Basel kooperiert auch das Rietberg-Museum schon länger mit afrikanischen Museen, leiht Kunstwerke aus, unterstützt sie bei der Restauration ihrer Objekte. Ein großer Teil der Sammlungsobjekte ist samt Herkunftsangaben digital zugänglich. Auch Basel arbeitet gerade an der Digitalisierung der gewaltigen Sammlung. Ähnlich sieht es am Völkerkundemuseum in Zürich aus, das zur Universität gehört. Dort denkt man außerdem über Möglichkeiten "digitaler Repatriierung" nach.

Und doch halten Schweizer Museen eine gewisse Distanz zur kolonialen Schuldfrage. "Eine Involviertheit der Schweiz gab es nur indirekt", sagt etwa Esther Tisa vom Rietberg-Museum. Anna Schmid aus Basel möchte die Debatte "jenseits von Moral und Juristischem" führen.

Solche Äußerungen überraschen den Historiker Bernhard Schär nicht. Er forscht an der ETH Zürich zur Rolle der Schweiz während der europäischen Kolonialära. "Die Schweiz würde am liebsten eine Phase überspringen - die schmerzhafteste, die der kritischen Selbstreflexion." In seinen Augen hat das Land nicht aufgearbeitet, dass Schweizer mit ihren Reisen, ihrem Sammeln, ihren Geschäften durchaus Akteure einer rassistischen Kultur waren.

Schär kennt und schätzt die Arbeit der Museen. Doch er findet, sie reiche bei Weitem nicht aus. Auch wenn der Schweizer Staat nicht direkt involviert war, hatten jene Schweizer, die als Forscher, Händler, Missionare oder Söldner am kolonialen Projekt teilnahmen, eine große Nähe zur Politik. Die Schweiz sei meilenweit davon entfernt, diese Verbindungen aufzuarbeiten, sagt Schär. Dabei stecke darin eine große Chance, auch für das übrige Europa: "Gerade der Blick auf die Schweiz ermöglicht ein Verständnis der europäischen Kolonialgeschichte. Es handelte sich nicht um nationale Einzelfälle, sondern um ein paneuropäisches Projekt, an dem viele mitgearbeitet haben."