Klavierabend:Schiere Zuversicht

Daniil Trifonov ist einer der ganz großen Pianisten. Bei den Salzburger Festspielen spielte er ein völlig ungewöhnliches Programm nur mit Musik des 20. Jahrhunderts. Der Weg führte von Alban Berg zu John Corigliano, und das Publikum war wild begeistert.

Von Helmut Mauró

Vor dem Abschlusskonzert, seiner Verneigung vor dem Jubilar Ludwig van Beethoven mit dessen Drittem Klavierkonzert, begleitet von den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Kirill Petrenko, bot der Pianist Daniil Trifonov tags zuvor in einem Solorecital eines der denkwürdigsten Konzerte der Salzburger Festspiele. Man erlebte nicht nur einen Querschnitt durch die Klaviermusik der Moderne, sondern auch einen Überblick über das Komponieren im 20. Jahrhundert überhaupt, den ständig sich verändernden Parametern. Von Alban Bergs revolutionär-traditioneller Klaviersonate op. 1 von 1909 bis zu György Ligetis strenger "Musica ricercata" und John Coriglianos leichtgewichtig verspielter "Fantasia on an Ostinato" von 1985 reichte das Spektrum - das Salzburger Festspielpublikum reagierte mit stehenden Ovationen. Das lag sicherlich nicht nur an den Werken. Selten wird diese Musik so emotional engagiert und logisch durchdacht zelebriert, dass man gar nicht umhin kann, von ihr fasziniert zu sein. Gerade die für die meisten Ohren immer noch recht neue Musik braucht Ausführende von Format. Ein Mozart-Klavierkonzert kriegt noch jeder hin, ein nicht enden wollendes Stück von Olivier Messiaen so zu spielen, dass man bis zum letzten Ton mitfiebert, verlangt mehr.

In Alban Bergs Sonate etwa kommt es darauf an, sich auf dem schmalen Grat zwischen Romantik und Moderne so traditionsbewusst sicher und gleichzeitig avantgardistisch erwartungsfroh zu bewegen, dass das hier ausgestellte ersterbende Melos und das Einbrechen der ungleich spröderen Moderne mit ihrer Faszination am Ausgedachten, am Überraschenden und am Errechneten nicht wie unvereinbare Gegensätze wirken, sondern als voneinander abhängige Entwicklungen. Der Fortschritt muss noch ein verlässliches Versprechen sein, die Zukunft schiere Zuversicht ausstrahlen. Trifonov gibt ihr lyrisches Gewicht, lässt sie am Ende strahlend durchs harmonische Gewölk brechen.

Niemand hat seinen Glauben so anschaulich in Töne gefasst wie Messiaen

Sergej Prokofjews "Sarkasmen" op. 17 nimmt er dagegen verschmitzt, vertrackt, hochvirtuos, trillernd, rumpelnd, mit den vorgeschriebenen abrupten Rhythmuswechseln vor den Kopf stoßend. Etwas Koboldhaftes spielt da herein, aber auch große Magie, wenn Trifonov aus Rahmenklängen und Trillern ganz neue, mal summend hinterhältige, mal flirrend-metallisch orgelnde Klänge aus dem Flügel zaubert. Man staunt hier nebenbei auch über den Steinway, der solcherlei Ungehörtes ermöglicht. Allein aus der Anschlagstechnik entwickelt der Wunderpianist hier eine kleine Philosophie des kreativen Widerspruchs. Das hart gestoßene Stakkato, das weich getupfte, das perlende Legato, das gleichmäßig einebnende, das dramatisch aufgeladene ergeben ein eigenes Sprachsystem, in dem Pianissimo und Forte plötzlich auf einer Stufe erscheinen - beide kennzeichnen außerirdische Sphären. Das Normale, Erdgebundene, wird entrückt, ins Außerhalb geschoben, ins ungreifbar Geheimnisvolle. In solcherlei Sarkasmen finden Prokofjew und Trifonov zusammen.

Dass man mit den gleichen Techniken in Béla Bartóks "Fünf Klavierstücken" eine ganz bodenständige Musizierlust ausleben kann, überraschte nur insofern, als Trifonov dieses Werk nahtlos anschloss und auch noch Aaron Coplands Klaviervariationen von 1930 hintansetzte, als gehöre alles aufs Engste zusammen.

Spätestens bei Olivier Messiaens "Le Baiser de l'Enfant-Jésus" klappte das nicht mehr, diese Musik ist reine Meditation, Gebet, Erleuchtung, Erweckungserlebnis - und Unendlichkeit. Trifonov nahm dies alles mit staunender Begeisterung: Wie der Komponist aus der Enge stehender Klänge heraus gestaltet, schließlich in Bewegung umformt, dabei die große Geste entwickelt, gleichsam die Arme weit ausbreitet. Niemand hat seinen Glauben so anschaulich in Töne gefasst wie Messiaen.

György Ligetis strenge Konstruktionen aus Ein- und Zweiton-Motiven, auch Karlheinz Stockhausens giacometti-haft dürre hochgeschossene Tongestalten hätten ein Abschluss sein können. Trifonov wollte einen anderen Schluss: die populistische Leichtigkeit der Komponisten John Adams und John Corigliano.

© SZ vom 01.09.2020
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