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Klassische Musik:Mozart-Vision

Für Thielemann sind Konzerte im Gasteig wie Heimspiele.

(Foto: wildundleise.de)

Pianist Igor Levit und Dirigent Christian Thielemann fanden über Mozart zueinander. Dabei bewies der 29-jährige Levit eine unglaubliche Reife und Tiefe.

Von Rita Argauer

Vor Igor Levits erstem Einsatz bekommt man ein bisschen Angst um ihn. Also nicht um ihn direkt, aber um sein Klavierspiel und dessen Hörbarkeit. Denn Christian Thielemann dirigiert seine Dresdner Staatskapelle im Münchner Konzert schon zu Beginn zu einem so plastischen und farbenreichen Klang, dass der Platz, den darin ein Klavier, also eine weitere Stimme, haben soll, nicht wirklich erkennbar ist. Sie spielen Mozarts Klavierkonzert Nr. 21, in C-Dur. Es ist eines der sinfonischen Klavierkonzerte. Also eines, in dem die Orchesterstimme weit über das pure Begleiten und das Untermalen der Solo-Stimme hinausgeht. Und diese sinfonische Ausgestaltung - so scheint es jedenfalls vor dem ersten Solo-Einsatz - die lässt sich Thielemann nicht nehmen.

Ganz im Gegenteil. Thielemann poliert den Klang des Orchesters regelrecht. Dazu kommt ihm zu passe, dass er den akustisch tückischen Saal der Münchner Philharmonie im Gasteig gut kennt, aus seiner Zeit bei den Münchner Philharmonikern. So sind nun auch bei den Dresdnern die Orchester-Stimmen von Anfang an klar, transparent, mächtig. Da gibt es kein Probieren, kein Herantasten, da gerät nichts zu laut oder zu leise, das Orchester entfaltet sich von Anfang an in vollster plastischer Pracht. Mit allen dynamischen Zaubertricks, die die Musiker, als seien sie eine Erweiterung von Thielemanns eigenem Körper, in höchster Genauigkeit auszuführen vermögen.

Levit sitzt am Flügel, wartet und zieht noch vor seinem ersten Einsatz die Augenbrauen gen Publikum blickend hoch. Anerkennend, schelmisch, aber auch ein wenig fragend, während Thielemann den ersten Moll-Umschwung der Musik in tiefes Drama taucht. Doch dann perlt Levit schwirrend und auf gemeinsamen Klang mit dem Orchester bedacht trillernd in die Flöten hinein. Weich, aber hörbar und dennoch nicht spitz oder klirrend.

Levit ist kein Kämpfertyp, der sich in den Ring um die Hauptstimme des Abends werfen würde. Levit aber ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Musiker. Einer, der um der Musik Willen und nicht wegen seiner Rolle darin, musiziert. Und so macht er samt seinem riesigen Können einfach mit in Thielemanns groß angelegter sinfonischer Mozart-Vision. Er lässt Geigen-Striche mit seinen Anschlägen verfließen, schafft dabei Textur und Tiefe, trotz seiner rasenden Virtuosität. Und besticht in der Kadenz schließlich durch weiche Schlichtheit. Er spielt mit viel Pedal, sein Mozart klingt romantisch, fast wie Schubert, weil er da etwas in der Musik nach Außen holt, was unter der Eleganz der klassischen Form liegt, etwas, das aufzuwühlen und zu drängen vermag.

Igor Levit greift auf eine Tiefe zurück, die man seinem jungen Alter kaum zutraut

Im Andante reagiert Thielemann dann auf dieses frühromantisch Existenzielle, das Levit in die Musik legt. Während Levit sich in klagenden Ritardandi an seine Melodieführung herantastet, stellt Thielemann staubtrocken die triolische Streicherbegleitung aus: Als ein klopfendes Unwohlsein, das die Hauptstimme gleichzeitig umgarnt und stört, und in dem die Verbindung zu Schuberts Impromptu op. 90, Nr. 1, noch einmal deutlicher wird.

Im Finale begreift sich Levit dann ein letztes Mal als aktiven, aber gleichgestellten Part im Orchester. Doch diese erneute Zurücknahme der Solo-Stimme macht das Konzert nur feinschichtiger. Denn dass Levit auch in der Lage ist, exzellent zu begleiten, bewies er in München zuletzt in einem Konzertzyklus mit Julia Fischer, in er Fischers Spiel in Beethovens Violin-Sonaten in so sanft-schöne Farben goss, wie man es nur mit höchster Kunstfertigkeit und gleichzeitiger Zähmung des eigenen Solisten-Egos hinbekommt. Levit, der erst 1987 geboren wurde, greift da auf eine Reife und Tiefe zurück, die man seinem jungen Alter kaum zutraut.

Er wirkt sowieso älter als er ist. In diesem Fall ist das aber ein Kompliment, vor allem, wenn er diese Reife nun im Konzert in München mit einer jugendlichen Unbedarftheit kombiniert. Thielemann setzt ihm sein fülliges, aber auch etwas gelacktes Orchester entgegen. Levit reagiert darauf mit perlender Leichtigkeit in der Oberstimme, aber tiefen Gräben in der Mittellage. Und im Finale begibt er sich in das räumliche Aufploppen der verschiedenen Orchesterstimmen einfach mit hinein. Thielemann trifft das mit einem schnellen Schlussakkord, ohne Pathos, ohne Drama - das braucht es hier auch nicht, denn das fand in viel feinerem Ausdruck das ganze Konzert über statt.

Ohne Levit als Partner lässt sich Thielemann anschließend in Bruckners dritter Symphonie dann jedoch vom Drama und Pathos mitreißen. Bruckner, der diese Musik schrieb, um sie Wagner zu widmen und ihn von seiner Ehrerbietung zu überzeugen. Und Thielemann, der sich mit seiner Tätigkeit in Bayreuth in der Bewältigung Wagners bestens auskennt, sind da eigentlich eine gute Verbindung.

Dementsprechend hoch ist das Niveau, auf dem Thielemann Bruckners Überwältigungsstrategien ausführt. Sowohl in der Dynamik und deren exakter Steuerung, als auch in der Transparent der einzelnen Stimmen. Doch schon die Blechbläser-Chöre im Kopfsatz schallen in so schwerem Fortissimo, dass kaum noch eine Steigerung möglich ist. Und obwohl Thielemann klug in der Gestaltung der Tempi ist, diese konzis und metrisch genau setzt und so nichts zu längerer Emotion ausschleift, als sie in der Musik sowieso schon vorhanden ist, ermüdet die Überwältigung. Der Gegensatz von Geigenschmelz und Bratschen-Surren und immer wieder hereinbrechendem Fortissimo-Blech hat sich dann im Finale ein wenig abgenutzt.

© SZ vom 13.09.2016
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