Klassische Musik Glück der Musik

Wie man mit Johann Sebastian Bach ein Leben gegen alle Widerstände meistert - ein Besuch bei der großen Cembalistin Zuzana Růžičková.

Von Reinhard J. Brembeck

Die Wintertristesse hat Prag fester im Griff als in den düstersten Geschichten Kafkas. Mit der S-Bahn geht es ein paar Stationen aus der Innenstadt in ein trubeliges Viertel mit modernem Einkaufszentrum und alten mehrstöckigen Wohnhäusern. Hier lebt, direkt unterm Dach, seit Jahrzehnten eine der faszinierendsten und eigenwilligsten Musikerinnen der Welt. Zuzana Růžičková, die am 14. Januar 90 Jahre alt wird, hat 1956 in München den ARD-Wettbewerb gewonnen, auf einem damals noch exotischen Instrument, dem Cembalo. Vor 50 Jahren nahm sie als erster Mensch die gesamte Cembalomusik jenes Musikers auf, der sie zutiefst geprägt hat: Johann Sebastian Bach.

Zuzana Růžičková hat ihre Karriere gegen die größten denkbaren Widerstände gemacht. Als Kind litt sie schwer an Tuberkulose, als Teenager überlebte die Jüdin vier Konzentrationslager, der Sozialismus machte ihr und ihrem Mann, dem Komponisten Viktor Kalabis, das Leben zur Hölle. Und jetzt kann man ihre kraftvoll verführerischen Bach-Aufnahmen neu entdecken, sie sind in einer herrlichen 20-CD-Box erschienen (Erato). Betrieben hat dieses Revival der junge Cembalo-Crack Mahan Esfahani, der auf der Suche nach neuen Wegen auf die große alte Meisterin gestoßen ist, bei der er ("mein letzter Schüler") immer noch Unterricht nimmt.

Die Altbauwohnung von Zuzana Růžičková - sie sagt: Rúschitskova - steht voller Instrumente, schlichter Bücherregale, Fotos und den Büchern ihres 2006 gestorbenen Mannes. An der Tür wartet eine kleine Frau mit einem lebhaften Faible für den großen Ernst wie die leichte Ironie. Ihr Deutsch ist herrlich ("noch nicht eingerostet"), die Erinnerungen sprudeln nur so aus ihr heraus. Voll Lebenslust mäandert sie durch ihre Biografie, die die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Eine Biografie, die nur zwei Fixpunkte kennt: Bach und das Cembalo.

Wegen ihrer Tuberkulose konnte Růžičková erst spät, mit neun Jahren, Klavier lernen, es war ihr größter Wunsch nach der Krankheit. "Als Kind hat mich jede Musik erregt" - Zuzana lässt die "Rrrrs" schwer und dunkel rollen. "Bei Bach aber hatte ich immer das Gefühl, dass ich diese Musik kenne, dass ich darin zu Hause bin."

Während eines Sommerurlaubs im Riesengebirge entdeckt die kleine Zuzana im Hotel ein Klavier und spielt los: Bach. Sie bemerkt einen Mann, der mit ihren Eltern spricht. "Er hat gedacht, dass da ein Kollege spiele - aber er fand ein Kind." Der Mann ist der damalige legendäre Leipziger Thomaskantor Günther Ramin. Ihre Eltern wollen nicht, dass sie Musikerin wird.

Ihre Lehrerin in Pilsen erzählt ihr, dass Bach nicht fürs Klavier, sondern für Orgel und Cembalo komponiert habe. Da will auch sie an diese Instrumente. Wegen der angeschlagenen Gesundheit ist Orgel ausgeschlossen. "Ich habe überhaupt nicht gewusst, was ein Cembalo ist." Also bringt ihr die Lehrerin Schellackplatten von Wanda Landowska, der Gründungsmutter des modernen Cembalospiels. Und setzt durch, "obwohl meine Mutter nicht sehr begeistert war", dass Zuzana nach der Schule mit 15 Jahren nach Paris zur Landowska gehen sollte. Dann aber fallen die Nazis ein, Zuzana kommt mit ihrer Familie ins KZ.

Vier Konzentrationslager hat Zuzana Ruzickova überlebt, die Zwänge des Kommunismus überstanden und ist dennoch zur bedeutendsten Meisterin auf dem modernen Cembalo geworden.

(Foto: Getty Images Entertainment/Getty)

Immer, wenn sie auf ihre vier Jahre in den Lagern kommt, geraten Zuzana Růžičkovás Sätze ins Trudeln. Sie atmet beengt kürzer, wirkt bedrängt. Schlagartig verschwinden ihre kichernde Heiterkeit und die aufsässige List. Der Vater wurde mit siebzehn Verwandten in den Lagern ermordet, nur sie und die Mutter kamen 1945 nach Pilsen zurück. "Ich bin durch vier Konzentrationslager gegangen, Terezin, Auschwitz, Hamburg-Neuengamme und Bergen-Belsen. Wenn Auschwitz die Hölle war, dann war Bergen-Belsen noch schlimmer."

Aber auch in den KZs spielt die Musik eine wichtige Rolle, sie ist Hölle und Hoffnung. Eine Hölle ist die Lagerkapelle in Auschwitz. "Das Aufwachen im Lager war furchtbar. Da hat man geträumt und dann wurde man sich bewusst, wo man ist und was auf einen wartet. Diese Appellstunden, wo meistens die Männer gemartert wurden. In dieser Situation mit dieser Musik aufzuwachen, das war so zynisch." Dann ist da noch der Lagerälteste Arno Böhm, "ein Zuhälter, der eines seiner Mädchen ermordet hatte". Der liebte die Musik von Julius Fučík, einem tschechischen Populärkomponisten. Auch Zuzanas Mann liebte Fučíks Musik, er kannte sie als Gymnasiast als Promenadenmusik. "Aber ich konnte sie einfach nicht hören. Da mussten wir reden."

Andrerseits gibt ihr in Theresienstadt der Komponist Gideon Klein Harmoniestunden, sie singt bei Raphael Schächter in der "Verkauften Braut" und probt in Hans Krásas Kinderoper "Brundibár". Noch vor der Premiere wird sie nach Auschwitz gebracht. Bei einem Treffen nach der Wende haben ihr Leidensgenossinnen erzählt, sie sagt liebevoll "Mädchen", dass sie ihnen im Lager Arien vorgesungen und ihnen die Stücke erklärt habe.

Und noch eine Erinnerung: In Hamburg musste sie auf einer Werft zwangsarbeiten: "Sie haben uns Suppe gegeben, das Radio lief, und da spielte jemand Chopin. Ich bin ohnmächtig geworden. Dieses: Es gibt noch Musik und ich kann nicht dabei sein - das war furchtbar stark. Ich konnte ohne Musik nicht leben."

1945 scheint eine Fortsetzung der Pianistinnenkarriere unmöglich. "Nach dem Krieg waren meine Hände so zerschunden. Denn wir mussten im Lager graben und Ziegel schaufeln, auch im Winter und ohne Handschuhe natürlich." Aber sie kauft ein Pianino, übt zwölf Stunden täglich, geht mit kleinen Kindern auf die Musikschule - und schafft den Sprung an die Hochschule in Prag. Wieder ein Wunder.

Da wird sie als Beethoven-Spielerin bekannt. "Aber Beethoven war ein Revolutionär, er hat dem Himmel gedroht. Deshalb habe ich Beethoven wahrscheinlich gut gespielt. Aber er hat mir nicht geholfen. Das Drohen gegen den Himmel war ja in mir nach diesen vier Jahren. Bach hat mir dann gezeigt, dass es etwas gibt, das uns transzendiert. Da ist man sich plötzlich sicher: Gut, Menschlein, du bist vollkommen am Boden zerstört. Aber es gibt etwas, das über dir ist, eine Ordnung."

Als eine Cembaloklasse angeboten wird, schreibt sie sich sofort ein. "Es war eine Liebe auf das erste Hören. Da kam Bach für mich ganz natürlich: der Klang und auch das Manuelle haben mir sehr, sehr behagt." Schon nach einem Jahr erklärt ihr Lehrer, dass er ihr nichts mehr beibringen kann und organisiert ihr erstes Cembalokonzert im Rudolphinum. Dann der ARD-Wettbewerb. Sie erwartet gar keinen Preis, sie will nur hören, wie die anderen spielen. Schließlich ist sie in Prag die einzige Cembalistin: "Zu meiner großen Überraschung habe ich dann den zweiten Preis gemacht, der erste wurde nicht vergeben."

Zuzana Růžičková

"Bach hat mir gezeigt, dass es etwas gibt, das uns transzendiert. Ich glaube, er war ein großer Mystiker in dem Sinne, dass Gott immer bei ihm war, auch beim Weintrinken."

Daheim darf sie dann nicht unterrichten, weil das Cembalo für die Kommunisten ein "feudales und religiöses Instrument" ist. Zudem sind weder sie noch ihr Komponistenmann Viktor Kalabis Parteimitglied. Kalabis wird von der Hochschule entlassen, weil er einem Studenten sagt, er solle sich mehr um Komposition kümmern als um Politik. "Er war dann drei Jahre ganz ohne Arbeit."

Sie darf zwar nicht unterrichten, aber reisen. "Der Kommunismus war zwar sozialistisch, aber das Geld war immer wichtig. Und besonders die Devisen." Sie muss 80 Prozent ihrer Gagen abgeben. Einmal wird sie von einem Kommissar gefragt, wie sie das Religiöse in Bachs Musik den Studenten erklären würde. "Da war ich ganz frech und habe gesagt: Bach war ein Angestellter der Stadt Leipzig und hat die Kantaten für die Stadt geschrieben. Vielleicht würde er, wenn er heute ein Angestellter der Stadt Prag wäre, Kantaten auf Lenin schreiben." Danach hat sie sich dann bei Bach entschuldigt.

Dabei ist Bach für sie kein "heiliger, alter Mann in der Perücke". Seine Jugend war wild: Duell, Kerker, Urlaubsüberziehung. "Man fühlt von den Toccaten bis zum Wohltemperierten Klavier, wie er die Wildheit zu einer Ordnung macht. Ich glaube, er war ein großer Mystiker. Dabei meine ich Mystik in dem Sinne, dass Gott immer bei ihm war, auch wenn er Wein getrunken hat."

Ihr erstes eigenes Cembalo erwarb sie "ziemlich spät, weil wir sehr, sehr arm waren." Historische Instrumente, wie sie heute üblich sind, gab es damals noch nicht. Stattdessen war jenes von Wanda Landowska inspirierte moderne und ausdrucksintensive Instrument en vogue. Es ist eher ein Verwandter des modernen Klaviers als des historischen Cembalos, dafür haben Manuel de Falla, Bohuslav Martinů, Francis Poulenc, Frank Martin, György Ligeti, Elliott Carter, Iannis Xenakis oder Viktor Kalabis komponiert. Die Großmeister der historischen Aufführungspraxis, allen voran Cembalist Gustav Leonhardt, lehnten und lehnen dieses Instrument ab. Der Ton sei zu metallisch starr. Aber der einst unversöhnliche Konflikt verblasst nach und nach. Zumal wenn man Růžičková spielen hört, deren mitreißende Musikalität über alle Klangfragen triumphiert.

Noch immer steht sie zum modernen Cembalo: "Ich hatte das Gefühl, dass dem heutigen Menschen die Tektonik Bachs nicht so klar ist wie den Barockmenschen. Und die Tektonik, den Aufbau wollte ich durch die Instrumentation und Registrierung klarmachen." Das aber geht nur auf diesem modernen Cembalo mit seinen Pedalen und Registerzügen. Weshalb, darüber ist sie sich im Klaren, ihre Bach-Box viel Kritik auf sich ziehen wird. "Es war wichtig, dass wir die Early-Music-Auffassung hatten. Wir haben viel gelernt. Aber wir haben nicht dieselben Ohren wie damals."

Wieder einmal klingelt ihr Handy, sie antwortet auf Tschechisch. Am Abend findet ein Konzert im Martinů-Saal statt, auf dem Programm steht das Streichquartett ihres Mannes Viktor Kalabis. Langsam müsse sie sich fertig machen. Dann fügt sie noch an, dass sie immer gefragt werde, wie sie das alles durchgestanden habe, ob sie besonders tapfer gewesen sei. "Das ist es gar nicht. Es war eher so, dass ich Glück hatte, auch dass ich immer mit meiner Mutter zusammenblieb. Ich glaube nicht, dass man durch Schmerz anders wird. Ich glaube, wenn man empathisch ist, kann man auch ohne Konzentrationslager den Schmerz anderer Leute fühlen."