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Klassische Antike:Schön brutal

Man könnte meinen, das klassische Athen sei zu Tode erzählt. Eine Ausstellung im Liebieghaus in Frankfurt beweist das Gegenteil - sie führt durch die Jahreszeiten der antiken Stadt.

Von Johan Schloemann

Athen also. Athen? Das klingt ja erst einmal nicht nach einem übermäßig originellen Thema für eine neue Ausstellung in einer Antikensammlung. Das Liebieghaus in Frankfurt, der längst nicht mehr so geheime Geheimtipp unter Deutschlands schönsten Museen, macht jetzt trotzdem eine Athen-Ausstellung. Und zwar eine originelle und aufregende.

Jahrhundertelang wurde die "klassische" Antike erforscht, verherrlicht, zum Ursprung und Muster aller höheren Kultur erklärt. Darum widmen sich heute viele Museen, Filme, Bücher und Archäologen lieber der Frühgeschichte, der Nachklassik, der Nachwirkung, der Spätantike oder Byzanz, überhaupt diversen geografischen und zeitlichen Randbereichen - und das völlig zu Recht, denn vieles davon ist von höchster Bedeutung für die Geschichte der menschlichen Zivilisation bis jetzt. Und insgesamt sind ja die früheren mentalen Karten, die Zentren und Peripherien anzeigten, nicht mehr zuverlässig.

Doch daraus hat sich fast schon wieder eine Scheu vor dem klassischen Kerngeschäft ergeben, dem Ausgangspunkt der Antikenbegeisterung. Der Parthenon-Tempel auf der Athener Akropolis ist in den letzten Jahren als Nachrichtenkulisse ein Symbol für Finanzkrisen geworden - während der monumentale, aber elegante Marmorbau eigentlich für das Gegenteil steht: nämlich eine Demonstration von unfassbarer technischer, kultureller und finanzieller Macht. Einer Macht, die der Stadtstaat Athen im fünften Jahrhundert vor Christus erringen und ausbauen konnte.

Der Angriff des persischen Imperiums, ein Annexionskrieg, war damals heroisch abgewehrt worden, in den Schlachten (unter anderen) von Marathon und Salamis, also auf dem Festland und auf dem Meer, 490 und 480 vor Christus. Dieser Triumph hatte allerdings den Preis, dass große Teile der zentralen Bauten in Athen verbrannt und zertrümmert waren.

Die Athener führten dann eine radikale Direktdemokratie ein, an der alle Bürger mitwirken durften, sofern sie keine Frauen, Sklaven oder Zugereiste waren; sie erfanden oder entwickelten außerdem das europäische Theater, die Rhetorik, die Philosophie, die kritische Geschichtsschreibung und so weiter; und sie trieben Unsummen an Rüstungsgeldern ein, als gnadenlose Schutzmacht eines Militärbündnisses in der Ägäis gegen die Perser im Osten. Mit der neuen Finanzkraft und dem Imperialismus nach außen wuchs im Inneren Athens eine neue Atmosphäre von Aufbruch, Innovation und Schönheit.

Eines der multimedialen "Kontext-Panoramen" in der Frankfurter Athen-Ausstellung: Zu sehen ist ein Teil des Mythos um die Stadtgöttin Athena.

(Foto: Atelier Markgraph/Liebieghaus Skulpturensammlung)

Das Ergebnis des einmaligen Wiederaufbauprogramms nach den Perserkriegen besichtigen heute 3,5 Millionen Besucher pro Jahr: die Akropolis in Athen nebst neuem Akropolismuseum. Doch der Archäologe Vinzenz Brinkmann, der Antikenchef des Frankfurter Liebieghauses, der mit den "Bunten Göttern" mithalf, die ursprüngliche Farbigkeit der antiken Skulpturen wieder bewusster zu machen, dieser Vinzenz Brinkmann stellt fest: Bei allem touristischen Massenansturm ist der zentrale Mythos Athens, die legitimierende Story der Akropolis, seltsam in den Hintergrund geraten. Es ist dies die Geschichte von der Stadtgöttin Athena, der Göttin der instrumentellen Vernunft, der Kopfgeburt des Göttervaters Zeus, und ihrem Sohn Erechtheus. Und ebendiesen Mythos, das ist der Keim der Ausstellung, müsse man noch einmal ganz neu erzählen.

Es ist, wie immer bei den archaischeren Ursprungsmythen, eine ziemlich verwickelte Geschichte - aber die zentralen Elemente sind, wenn auch für den heutigen Geschmack eher krude, so doch einfach: Athena hat ein verunglücktes Sex-Erlebnis mit dem Schmiedegott Hephaistos (sicher eine sublimierte Vergewaltigungsgeschichte), sie bewahrt ihre Jungfräulichkeit, sein Sperma landet nur auf ihrem Schenkel und dann auf der Erde. Diese, also die personifizierte Erd-Göttin Gaia, bringt nach neun Monaten das Kind zur Welt und übergibt es Athena, die ein großes Wickeltuch dabeihat. Das ist der Sohn Erechtheus.

Zweitens: Als dieser Erechtheus erwachsen ist, hat er sechs schöne Töchter. Er muss gegen den Sohn des Meeresgottes Poseidon, Eumolpos mit Namen, um Athen kämpfen - der ist König der später eingemeindeten Nachbarstadt Eleusis. Laut einem Orakel kann Erechtheus aber nur siegen, wenn er seine erstgeborene Tochter opfert, was er schweren Herzens tut. So kann er Eumolpos töten, der aus dem wilden Thrakien kam, aber musisch sehr begabt war, was ihm am Ende auch nicht half.

Dritter Akt: Der Meeresgott, in der Ausstellung repräsentiert durch die wunderschöne Statuette des "Poseidon Loeb" aus München, rächt seinen Sohn mithilfe des Zeus. Poseidon rammt Erechtheus mit seinem Dreizack in den Burgberg der Akropolis hinein. Autsch! Die Einstichstellen zeigt man heute noch Touristen. Von da an wird Erechtheus zusammen mit Poseidon als Doppelgottheit verehrt - im Erechtheion, seinem Palast-Tempel. Und es gibt eine große Versöhnungsparty mit Athena, die in denselben Berg den allerersten Olivenbaum gepflanzt hat - bis heute ein wichtiger Faktor der griechischen Ökonomie.

Wer jetzt nicht mehr mitkommt, sollte wohl auch nicht den jüngsten Film mit lauter Marvel-Superhelden angucken. Aber den Plot, von dem auch eine verlorene Tragödie von Euripides handelte, kann man ja immer wieder nachlesen - entscheidend sind die Motive: Jungfrauengeburt und Opfertod des Sohnes (kennt man auch anderswoher), Expansion, Eroberung, Kulturstiftung - und nicht zuletzt der doppelte Anspruch auf Land- und Seeherrschaft durch die Verschmelzung von Erd- und Wassergottheit. Und im Hintergrund der Schmiedegott Hephaistos, dessen Tempel an der Agora stand, Schutzgott auch des unglaublich erfolgreichen Geschirr-Exports aus dem angrenzenden Stadtteil Kerameikos, der der Keramik den Namen gab.

Dieses gesamte religiös-ideologische Setting des klassischen Athen nun wurde, zusammen mit anderen Geschichten, in den Jahren 450 bis 410 v. Chr. in ein gigantisches Bau- und Bildprogramm gefasst, vielleicht nach dem Masterplan des Bildhauers Phidias - eine Art dreidimensionaler Mythos-Comic an diversen Gebäuden aus schätzungsweise 1200 bis 1300 Marmorfiguren von einzigartiger Qualität. Anstatt aber nun daraus eine unübersichtliche Materialschlacht zu machen, folgt die Frankfurter Ausstellung einem sehr glücklichen Einfall: Sie gliedert sich nach den zwölf Monaten der antiken Stadt, die zugleich auch den attischen Festkalender darstellen. Diese Aufteilung verdankt sich der jüngeren Deutung des berühmten, 160 Meter langen Parthenonfrieses (großteils in London), wonach die darauf gezeigte Prozession nicht bloß das eine große Opfer- und Sport-Fest der Athena darstellt, die Panathenäen - sondern einen ganzen Reigen saisonaler Bräuche und Feiertage.

Und so läuft man als Besucher leichtfüßig und beschwingt durch die Jahreszeiten. Mal treffen sich Frauen zum Phallus-Kult, mal Männer zum Nackttanz; mal sind Drama-Festspiele - mit der "Würzburger Skenographie", einem bedeutenden Vasenfragment, das eine antike Theaterbühne perspektivisch darstellt -, mal werden 500 Schafe geschlachtet aus Dankbarkeit für den Sieg bei Marathon. So versteht man hier leibhaftig: Der μMythos wird zyklisch im Ritus erfahren. Und es löst sich auch die Frage auf: Sind antike Statuen Erzählungen oder Symbole, Stilisierungen? In der vielschichtigen, idealisierenden Ästhetik der Klassik sind sie natürlich beides. Ebenso wenig schließen sich religiöse und politische Funktionen der Kunst aus.

Auf dem Weg durch die Athener Monate kann man viele Überraschungen erleben: hervorragende, wie beiläufig eingestreute Leihgaben, etwa die "Athena Hephaisteia" aus dem Louvre, die "Hera Borghese" aus dem Vatikan, der Euripides-Kopf aus Kopenhagen . . . Ebenso überraschend, aber erzählerisch eingefügt sind neue Thesen und Zuordnungen. Die spektakulärste ist eine farbige Rekonstruktion der beiden Bronzekrieger, die man 1972 vor Riace in Kalabrien im Meer fand: Aufgrund neuer Vermessungen der Originale kam ein deutsch-italienisches Forschungsteam zu dem Schluss, es müsse sich um ebenjene Rivalen Erechtheus und Eumolpos handeln, deren Statuen einst auf der Akropolis standen. So ist die klassische Antike, so ist diese Ausstellung: schön und schön brutal.

Athen. Triumph der Bilder. Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main, bis 4. September. Der Katalog (Michael Imhof Verlag) kostet im Museum 29,90 Euro. Info und digitale Ausstellung: athen.liebieghaus.de

© SZ vom 09.05.2016

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