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Klassikkolumne:Wieder entdeckt

Schonmal von Franz Schmidt gehört? Oder von Niccolò Jommelli? Nein? Warum denn nicht? Zu dessen Requiemsklängen wurden im 18. Jahrhundert Könige und Fürsten begraben. Und genau dieses Requiem kann man jetzt wiederentdecken.

Von Helmut Mauró

Nicht jede Wiederentdeckung schafft echte Begeisterung, aber dann gibt es doch immer wieder Überraschungen, die den geneigten Hörer staunen lassen und auch ein bisschen beschämen. Denn ganz von ungefähr, ganz aus dem Nichts kommen diese Werke nicht. Oft waren sie zu Lebzeiten der Komponisten bekannt und beliebt, und in aller Regel war auch der Komponist zu seinen Lebzeiten ein gefeierter Held der Tonkunst.

In Wien ist sogar ein Park nach ihm benannt, und die überlebensgroße Grab-Skulptur auf dem Zentralfriedhof lässt vermuten, dass man den Komponisten Franz Schmidt (1874 - 1939) in seiner Wiener Heimat hoch schätzte. Schmidt, der noch bei Anton Bruckner Kontrapunkt studiert hat, brachte es in der Hauptstadt zum Direktor der Musikhochschule. Heute ist er weitgehend vergessen, von seinem umfangreichen Werk konnte sich nur ein einziges behaupten: "Das Buch mit sieben Siegeln", ein Oratorium nach der Johannes-Offenbarung. Ob sich das nun mit der Einspielung aller vier Symphonien (DG) ändern wird? Wäre denkbar. Denn erstens leistet das Symphonieorchester des Hessischen Rundfunks, unter Leitung von Paavo Järvi hervorragende Arbeit. Zweitens gibt es hinter der manchmal sehr soliden symphonischen Wertarbeit in der Tradition der neudeutschen Schule eine Menge erstaunlicher Eigenheiten und stilbildender Entwicklungen. In der ersten Symphonie scheinen noch Vorbilder aus der Wiener Klassik und Romantik durch, aber schon hier sehr eigenständig verarbeitet und mehr als ferne Zitate über der Symphonie schwebend. Um nur epigonenhaft fortzuspinnen, was andere begonnen haben - das war Schmidts Sache nicht, dazu konnte er einfach zu viel. Man spürt nahezu physisch den Schaffensdruck, die kreative Freude, die Gestaltungskraft, die virtuose Instrumentationskunst, die Sicherheit, große Spannungsbögen zu ziehen. Natürlich, wenn man die Musikgeschichte als die des Fortschritts von der einstimmigen Gregorianik zur vielstimmigen Moderne betrachtet, dann ist das Werk von Franz Schmidt ein Anachronismus. Wenn man sich dagegen einmal den Luxus erlaubt, ganz ahistorisch zu hören, dann ist man angenehm überrascht von diesem vergessenen Komponisten, dessen Symphonien nicht nur die intellektuelle Neugierde befriedigen, sondern immer wieder ganz unmittelbar berühren.

Das gilt auch für den wunderbaren Niccolò Jommelli (1714 - 1774), der uns ebenfalls im Laufe der Zeit abhanden gekommen ist und bestenfalls als Vorklassiker, als Wegbereiter für Größere weiterleben durfte. Er begann als Komponist von Opere buffe und war am Ende ein Meister der Seria - bei Mozart war es dann umgekehrt. Papst Benedikt XIV. holte ihn für die Kirchenmusik in den Vatikan, was Jommelli nicht hinderte, weiterhin für die Oper zu schreiben. Am Ende waren es mehr als 200 Bühnenwerke, davon 60 komplette Opern. Es zog ihn zum Theater, vier Jahre nach Rom hatte er in Stuttgart dazu Gelegenheit. Zum Tod der Mutter des Württembergischen Herzogs, die als sehr gebildet und intrigant galt, bestellte der Herzog - ein Schüler Carl Philipp Emanuel Bachs - dieses Es-Dur-Requiem, das im schwarz verhüllten Innenraum der Schlosskapelle unter Leitung von Jommelli aufgeführt wurde. Dass dieses Werk dann aber in mehr als hundert Abschriften ganz Europa eroberte, Könige und Fürsten wurden unter Jommellis Klängen beerdigt, auch Christoph Willibald Gluck - erst Mozarts Requiem stellte es dann in den Schatten. In der vorliegenden Aufnahme wurden die komponierten Teile in den originalen Kontext eingefügt, also durch die Gregorianischen Gesänge der einleitenden Antiphon, des Introitus und Tractus ergänzt. Was nicht nur historisch aufschlussreich ist, sondern vor allem klangästhetisch. Im Zusammenhang der alten Gesänge wirkt das frisch Komponierte wie aus einer anderen Welt, urplötzlich nahbar menschlich, tröstlich, ja sogar ein bisschen fröhlich. Chor und Orchester "Ghislieri" unter Leitung von Giulio Prandi sind hörbar begeistert (outhere).

Auch der Pianist Igor Levit bietet auf seinem Album "Encounter" (Sony) Raritäten, neben Bach- und Brahms-Bearbeitungen von Ferruccio Busoni etwa die "Vier Ernsten Gesänge" von Johannes Brahms in einem Arrangement von Max Reger. Natürlich kann man diese Stücke technisch überzeugender bewältigen, vielleicht sogar mit weniger verwischendem Pedal, durch dessen Nebelwirkung die schnellen Passagen ganz vernuschelt klingen. Vielleicht auch mit weniger hohlem Geraune, das nie die Grenze des Poetischen erreicht. Aber Levit geht es offenbar um Anderes. Dass nie ganz klar wird, worum, macht ihn für viele Hörer allerdings spannend (Sony).

© SZ vom 15.09.2020
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