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Klassikkolumne:Unsentimental

CARNEGIE HALL, Fritz Reiner, Jascha Heifetz 1947 Courtesy Everett Collection PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright:

Fritz Reiners stechender Blick war legendär.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Eine 14-CD-Box huldigt dem legendären Dirigenten Fritz Reiner, der ohne Armgefuchtel oder Gefälligkeit, aber glasklar und durchaus diktatorisch Wunder vollbrachte.

Von Harald Eggebrecht

Glänzend, rhythmisch scharf pointiert, in leuchtender Energie und bei aller explosiven Spannung immer elastisch und federnd auch im stärksten Fortissimo oder im leisesten Pianissimo, so klingt "Ein Heldenleben" von Richard Strauss. Wie die Streicher Funken stieben lassen, wie die Holzbläser aufflammen, wie das Blech stets nobel auftritt - das alles hat Kraft ohne Kraftmeierei, Bedeutung ohne Wichtigtun, Eleganz ohne Manierismen. Gekrönt wird der Eindruck durch die vollkommene Abwesenheit von Sentimentalität. Das Stück erklingt im besten Sinne modern, wie es das Pittsburgh Symphony Orchestra unter der gebieterischen Leitung von Fritz Reiner 1947 eingespielt hat. Es ist so mitreißend präzise, fettfrei und brennend intensiv, dass man das Alter der Aufnahmen sofort vergisst.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra war nach dem Cincinnati Symphony Orchestra das zweite amerikanische Orchester, das Fritz Reiner als Chefdirigent leitete. In den zehn Jahren von 1938 bis 1948 baute er es zu einem der bis heute besten Orchester nicht nur der USA auf. Mit den Pittsburghern machte er auch seine ersten kommerzielle Aufnahmen. Fritz Reiner galt als konsequenter Orchesterfeldherr mit manchmal despotischen Anwandlungen. Seine Strenge im musikalischen Anspruch und in den Anforderungen an das Orchester, was Probengenauigkeit, Vorbereitung und Qualität der Ausführung betraf, waren gefürchtet. Zugleich hieß es aber, ein Jahr oder mehr unter Fritz Reiners Leitung sei zwar das härteste, aber auch das anregendste Training für Orchestermusiker. Diese brisante Mischung aus Kompromisslosigkeit und Inspiration lockte viele junge Musiker in die Industriestadt im Südwesten von Pennsylvania.

Hört man in seine Pittsburgh-Aufnahmen hinein, dann kann man nur staunen über den immer gespannten, genau strukturierten, immer präsenten Orchesterklang in allen Sektionen. Der große Cellomeister Janos Starker, der beim Chicago Symphony Orchestra Solocellist bei Fritz Reiner war, hat betont, Reiner wäre nie mit einer vorgefassten Meinung an die Musik herangegangen, sondern habe seinen Stil aus dem jeweiligen Stück gewonnen.

Reiners Stil: kein Armgefuchtel, dafür der fesselnde Blickkontakt mit den Orchestermusikern

Der 1888 in Ungarn geborene Reiner war von 1914 bis 1921 Hofopernkapellmeister in Dresden. Hier begann auch die Freundschaft mit Richard Strauss, dessen Dirigierstil auch der Reiners war: sparsame, aber präzisklare Bewegungen mit langem Stab, kein Armgefuchtel, dafür der fesselnde Blickkontakt mit den Orchestermusikern. So wurde er, der keinerlei Showbiz bot, zum Dirigenten, den auch andere Dirigenten aufs höchste schätzten.

Neben dem "Heldenleben" gibt es noch einen großartig entfalteten "Don Quixote" von Strauss mit dem grandiosen Cellisten Gregor Piatigorsky, der das Stück noch 1932 unter Strauss' Leitung in Frankfurt so denkwürdig gespielt hatte, dass der Komponist ihm in die Noten schrieb: "Zu unser aller Segen wünschte ich mir, dass dieses Stück, wo immer es unter einem guten Dirigenten aufgeführt wird, von Ihnen gespielt werden könnte." Die Pittsburgher Aufnahme von 1949 entspricht diesem Wunsch des Komponisten. Reiner achtet auf die instrumentale Farbigkeit dieser brillanten Partitur in nahezu kammermusikalischer Auflösung. Nichts geht verloren, auch in den großen Fortissimo-Stürmen lärmt das Orchester nie, sondern stets ist die vielfache Schichtung der Orchesterfarben durchhörbar. Und Piatigorsky ist der nobelste Ritter von der traurigen Gestalt.

Beispielhaft klar konturiert Reiner das "Konzert für Orchester" seines Lehrers und Freundes Béla Bartók, es war die erste und gleich vorbildliche Einspielung dieses Meisterwerks, das der schon schwer an Leukämie erkrankte Bartók für das Boston Symphony Orchestra komponiert hatte. Reiner hatte sich für den Auftrag an seinen Freund entschieden eingesetzt.

Nie gibt es Anwandlungen von Aufweichung oder Gefühligkeit, von Nachlässigkeit oder Gefälligkeit. Ob Wiener Walzer von Johann Strauß oder ungarische Tänze von Johannes Brahms, ob ein Walzer von Richard Rogers oder ein symphonisches Medley aus George Gershwins Oper "Porgy and Bess". Reiner nimmt jede Musik in ihrer unverwechselbaren Eigenart wahr und gestaltet sie aus sich selbst heraus.

All dies ist auf den 14 CDs der Box "Fritz Reiner - The Complete Columbia Album Collection" (Sony Music) zu hören: die Begegnung mit einem der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, bei dem die Musik noch immer frisch, virtuos und vital klingt.

© SZ vom 27.10.2020
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