Klassikkolumne Noble Wehmut

Die Saxophonistin Asya Fateyeva, der lang verkannte Pianist Jorge Bolet, die Geigerin Eldbjørg Hemsing und das Quatuor Modigliano: Der Klassikplattenmarkt ist verliebt in die altbekannten Stücke, überrascht dann aber durch geniale Musiker.

Von Harald Eggebrecht

Es bleibt unverständlich, weshalb einer der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts erst in seinen späten Jahren quasi entdeckt und dann in etwa so anerkannt wurde, wie es ihm grundsätzlich gebührt hätte: Jorge Bolet, den niemand Geringeres als der grandiose Emil Gilels 1988 als den "größten Pianisten der westlichen Hemisphäre" pries. Bolet trat seit den Fünfzigerjahren fast regelmäßig in Deutschland auf, ein großer ernster Mann mit mächtigem Haupt und wahren Klavierpranken. Beim Spiel hielt er den Kopf stets gesenkt, es gab keine Mätzchen und Attitüden, die Magie entstand allein aus dem, wie er Musik zum Erklingen brachte. Zum Glück gibt es relativ viele Aufnahmen, auch Live-Mitschnitte und Filmdokumentationen, die etwas von der immer noblen Wehmut, unsentimentalen Empfindsamkeit und unvergleichlichen Klanggrandezza dieses von edelster und zugleich sachlichster Virtuosität geprägten Klavierspiels mitteilen können, etwa auf den drei CDs mit Berliner Aufnahmen zwischen 1961 und 1974. Ein paar Beispiele: Die Etüden op. 12, vier Polonaisen und das Fantaisie-Impromptu op. 66 von Frédéric Chopin stellt Bolet leuchtend transparent, durchaus auch mit machtvollem Zugriff, aber nie als bloße Pianistik dar. Robert Schumanns f-moll-Sonate op. 14 wird zum nachdenklichen Fest romantischer Erregungen, Claude Debussys "Images II" werden zu traumverlorenen Gebilden, gewonnen aus feinstem Klanggespür. (audite)

Dass das Instrumentalkonzert als Genre nie aussterben wird, dafür sorgen schon die Jungtalente, die nicht nur alte Schlachtrösser reiten, sondern auch Neues vorführen wollen. Die norwegische Geigenprinzessin Eldbjørg Hemsing hat sich schon als Archäologin bewährt, als sie das eigenwillige, überraschend attraktive Violinkonzert von 1914 ihres Landsmannes Hjalmar Borgstrøm erfolgreich ausgrub. Nun zeigt sie ihre Lust an aktueller Musik. Zusammen mit den Osloer Philharmonikern unter Leitung des Komponisten spielt sie zwei Konzerte von Tan Dun: "Rhapsody and Fantasia" und "Fire Ritual", das auch für Hemsing geschrieben wurde. Diese Stücke, in denen sich Pekingoper, Schlagzeuggewitter und modernste Tonsatztechniken raffiniert mischen, bieten Hemsing alle Möglichkeiten, ihre Klangfantasie voll zu entfalten. Das reicht von blitzenden Spitzentönen, scharfen Glissandi bis zur Nachahmung traditionell chinesischer Gesangstechniken oder fast tonlosem Wispern. Das klingt attraktiv, verzaubernd und verlangt eine Solistin von eminenter Qualität, wie es Hemsing ist. (Bis)

Das Quatuor Modigliani gehört zur Crème de la crème der neuen Streichquartettkunst. Wenn das Quatuor Ebène eher aus apollinischem Geist musiziert (in der berühmten ersten Besetzung), dann neigen die "Modiglianis" mehr der dionysischen Seite zu: Energievoll, klangreich, unmittelbar festlich. Zum 15-jährigen Bestehen der Formation, zu der ein neuer hervorragender Primarius gekommen ist, haben sie jetzt eine höchst abwechslungsreiche Galerie mit 13 Komponisten-"Portraits" herausgebracht. Das erstreckt sich von Roman Hofstetters einst Haydn zugeschriebener weltbekannter Serenade bis zu Leroy Andersons "Plink, Plank, Plunk!" Die Musiker charakterisieren unmissverständlich und vital, etwa Mendelssohns "Capriccio" oder Schostakowitschs "Polka"; sie finden für Korngolds "Intermezzo" einen Wiener Ton ebenso wie sie Fritz Kreislers "Scherzo" aus seinem Quartett als Wiener Impressionismus erkennen; und Anton Weberns "Langsamen Satz" singen sie ekstatisch aus. Eine pure Lust- und Laune-CD! (Mirare)

Dass das Saxophon nicht nur klingen muss, wie man es gemeinhin von dem im 19. Jahrhundert erfundenen Instrument gewohnt ist, davon kann zur Zeit wohl niemand so einprägsam andere Anmutungen geben wie die junge Saxophonkönigin Asya Fateyeva. Sie erfüllt das, was Hector Berlioz über das Saxophon sagte: "Kein anderes bekanntes Musikinstrument besitzt diesen seltsamen Klang, der bis an die Grenzen der Stille geht." Auf ihrer neuen CD "Carneval" zeigt sie einen Reigen wahrlich verblüffender Klangmasken. Darunter taucht auch das Saxophonkonzert von Alexander Glasunow von 1934 auf. Das spielt Fateyeva mit geschmeidiger Beredsamkeit und samtwarmer Eleganz. Für die von Verdi inspirierten Opernfantasien von Christian Lauba und Alexei Shor wird ihr Saxophon ganz "Stimme". Bei Darius Milhauds "Scaramouche" und Sergei Prokofjews "Romeo und Julia" wechselt sie die Klangfarben, als gäbe es keine Grenzen. (Berlin Classics)