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Klassikkolumne:Lauter Duos

Neue Klavier-Alben begeistern mit Zweisamkeit und das zum Teil so euphorisch, dass man sich am Ende wieder über ein Solo freut.

Von Helmut Mauró

Wie ergiebig und schwierig es für zwei eigenständige Künstler ist, sich im gemeinsamen Spiel einen Freiraum zu schaffen, in dem sich jeder so entfalten kann, dass eine neue, geeinte künstlerische Kraft entsteht - das zeigt die jüngste Einspielung von Sergei Prokofjews Suite "Romeo und Julia", für zwei Klaviere arrangiert von Sergei Babayan und von diesem mit Martha Argerich eingespielt (DG). Vieles bleibt hier im Zustand des Konzeptuellen, trotz technischer Perfektion recht unpersönlich. Vor fünf Wochen in Berlin klang das anders, da spielte Babayan zusammen mit seinem genialen Schüler Daniil Trifonov, der seinen Lehrer zumindest stellenweise mitriss. Dagegen scheinen die Brüder Lucas und Arthur Jussen, 25 und 21 Jahre alt, das Genre "Klavierduo" noch einmal neu erfinden zu wollen. Vor elf Jahren spielten sie vor erstauntem Publikum im Amsterdamer Concertgebouw Mozarts Es-Dur-Konzert für zwei Klaviere, und bis heute haben sie sich, zum Beispiel in Schuberts f-Moll-Fantasie, ein bisschen von dieser kindlichen Traumseligkeit bewahrt, in der Musik ein großer Zauber ist und die eigene Offenheit der Normalzustand. Technisch sind sie prima, rhythmisch manchmal ungenau, dennoch immens musikalisch alle beide und zusammen erst recht. In der Elbphilharmonie spielen sie an diesem Dienstag, dem 3. April, den "Karneval der Tiere" von Camille Saint-Saëns (neu auf CD bei DG), und am 10. April in Salzburg Werke von Mozart, Schubert, Poulenc, Ravel und Fazil Say.

Klassikkolumne 03.04.2018

Auch von Emil Gilels, dem zeitlosen Großmeister, findet man in den Aufnahmen aus den Jahren 1933-1963 (hänssler) zwischen den Solowerken mehrere von Ferruccio Busoni für zwei Klaviere arrangierte Mozart-Stücke, darunter ein "Duettino concertante" auf Basis des F-Dur-Konzertes und die Zauberflöten-Ouvertüre, eine witzige und aufschlussreiche Variante des Orchester-Originals. Zum einen erfährt man einige Tricks, wie Busoni die ursprünglichen Klangfarben auf zwei Klaviere überträgt oder aus den begrenzten Klaviermöglichkeiten neu erschafft. Zum anderen hört und staunt man, wie jugendlich-feurig sich Gilels ins Zeug legt und dabei kongenial mit seinem Klavierpartner Yakov Zak agiert.

Klassikkolumne 03.04.2018

Das Klavierduo Maria Ivanova und Alexander Zagarinskiy dagegen verlässt sich auf der CD "César Cui - Piano Transcriptions" (hänssler) so sehr auf die Eigenwirkung der Stücke des Musikkritikers, Militäringenieurs und Komponisten César Cui (1835-1918), dass die beiden Pianisten oft vergessen, sich selber als aktive Künstler zu verstehen und nicht nur als Ausführende, die tönende Notenblätter vorzeigen. Auf jeden Fall aber setzen sie mit ihrer Aufnahme von Miniaturen und Orchesterarrangements ein kleines Denkmal für den Kleinsten im "mächtigen Häuflein", bestehend aus Balakirew, Borodin, Mussorgsky, Rimski-Korsakow und eben Cui. Der hatte einst als Kritiker sehr für - und am Ende auch gegen - seine Kollegen im Häuflein angeschrieben. Insbesondere Mussorgskys Oper "Boris Godunow" gefiel ihm gar nicht.

Ein ganz besonderes Musikerpaar des 19. Jahrhunderts waren Amanda Maier und Julius Röntgen; letzterer entfernt verwandt mit dem Physiker und mitverantwortlich für den Neubau des Amsterdamer Concertgebouw. Angeblich hat es zwischen den beiden sofort gefunkt, was einerseits zu ehelicher Verbindung führte, andererseits auch musikalische Früchte trug. Denn die Geigerin Amanda Maier, erste diplomierte "Musikdirektörska" von Schweden, begann nun, ihrem hochbegabten Pianisten- und Komponistengatten nachzueifern und schrieb eine Reihe von Werken, darunter Préludes für Klavier, die der Pianist Bengt Forsberg nun eingespielt hat (dB), und zwar zusammen mit Werken von Röntgen sowie einer Gemeinschaftskomposition der Eheleute: die "Zwiegespräche" in elf Sätzen von 1883 - ein künstlerisch und technisch anspruchsvolles, verliebtes Turteln, das gar kein Ende nehmen will.

Klassikkolumne 03.04.2018

Nach soviel euphorischer Zweisamkeit lechzt man geradezu nach trauter Isolation, und Nikolai Lugansky bietet solch souveräne Freiheit in seiner Aufnahme von Sergei Rachmaninows "24 Préludes" (hm). Manches mag man bei anderen Pianisten, etwa bei Evgeny Kissin im gis-Moll-Präludium, dringlicher herausgespielt hören, auch dramatischer, aber so romantisch, so weggetreten, wie Lugansky hier diese psychisch zerbrechlichen Miniaturen zelebriert, ihnen ganz sanft robustes Leben einhaucht, so psychedelisch vernebelt hat sich das bislang noch keiner getraut.

© SZ vom 03.04.2018

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