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Klassikkolumne:Beethoven, Beethoven und Beethoven

Beim Blick auf den Plattenmarkt könnte man meinen, das Beethoven-Jahr habe längst begonnen. Ältere Aufnahmen sind neu erschienen, doch auch neue Einspielungen überzeugen.

Von den Symphonien Ludwig van Beethovens gibt es derzeit jede Menge alte und auch ein paar neue Aufnahmen. Was natürlich mit dem anstehenden Jubeljahr zu seinem 250. Geburtstag zusammenhängt. Schaut man auf den Bücher- und Plattenmarkt, könnte man glauben, das Beethoven-Jahr habe längst begonnen. Was die CD-Veröffentlichungen angeht, scheint es sogar im Wesentlichen erledigt zu sein, bevor es angefangen hat. Vor allem die Major Labels sind früh am Start: Sony bringt "Beethoven Legendary Recordings" in einer 25-CD-Box, in der unter anderem allerlei kammermusikalische Raritäten in historischen Besetzungen zu finden sind. Leider fehlen gerade unter den letzten Streichquartetten die wichtigsten. Dafür erlebt man die Sopranistin Régine Crespin in Hochform, und Jussi Björling schmettert eine "Adelaide" hinterdrein. Die Symphonien teilen sich Charles Munch mit dem Boston Symphony, George Szell mit dem Cleveland Orchestra, Fritz Reiner mit Chicago Symphony und Leonard Bernstein mit dem New York Philharmonic. Bernstein ist zudem einer eigene Zehn-CD-Box "Bernstein Conducts Beethoven" (bei Sony) mit Aufnahmen aus den Jahren 1958 bis 1970 vertreten, ebenso in der bis jetzt umfangreichsten Beethoven-Edition der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Dort dirigiert er allerdings die Wiener Philharmoniker, die man hier bei der Fünften und der Siebten Symphonie auch mit Carlos Kleiber erleben kann. Generell konzentriert sich diese Edition auf große Namen und oft legendäre Aufnahmen. Dabei kann man die Symphonien in unterschiedlichen Deutungen hören, von Szell bis Böhm, von Karajan bis Gardiner. Aktuelle Neuaufnahmen sind die Ausnahme. Neben den Klavierkonzerten mit dem fabelhaften kanadischen Pianisten Jan Lisiecki sind es vor allem die kürzlich erschienenen Symphonie-Einspielungen mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Andris Nelsons. Angesichts der Flut von Aufnahmen ist das ein editorisches Wagnis, das sich aber doch gelohnt hat. Nelsons gehört nicht nur zu den genauesten Partitur-Analytikern, sondern auch zu den inspiriertesten und seriösesten Dirigenten der mittleren Generation. Von den peniblen und tyrannisch strengen Beethoven-Exegeten der älteren Generation unterscheidet ihn eine gewisse Leichtigkeit, auch dann, wenn es wieder einmal ums Ganze zu gehen scheint, wie etwa in Beethovens Fünfter Symphonie. Explodierendem Furor zieht er hier lieber - in vergleichsweise gemäßigtem aber keineswegs schlaffem Tempo - eine ausgearbeitete Klangfarbenvielfalt vor. Das lässt auf eine innere Haltung schließen, bei der es zumindest nicht ausschließlich um Kampf und Sieg geht, sondern auch mal um die Annehmlichkeit eines sonnigen Nachmittags am Donauufer. Aber natürlich: Auch hier gibt es Drama.

Wenn es um neuere Sicht- und Hörweisen der Beethovenschen Symphonien geht - jeder Dirigent will sie aufführen und auf Platte bannen, gerne auch mehrmals -, muss man unbedingt die zuvor erschienene Aufnahme des Danish Chamber Orchestra unter Ádám Fischer zum Vergleich heranziehen. Es handelt sich wohl um die überzeugendste, spannendste, erfrischendste, erfreulichste Neueinspielung der jüngeren Zeit. So viel Spielfreude bei einer so ernsten Musik - da geht einem das Herz auf, und man fragt sich: Kommt dieser präzise und dabei höchst flexible und dramatische Orchesterklang am Ende Beethoven näher als alle traditionelle Schwermut?

Wo sie nicht alles überlagert, hat aber auch die Schwermut ihre Berechtigung, ja ihren musikalischen Sinn. Das zeigte Bruno Walter als Dirigent des Columbia Symphony Orchestra im Jahr 1958. In der verdienstvollen "Complete Columbia Album Collection" (Sony) kann man erleben, wie genau sich Walter jede einzelne Symphonie vornimmt, wie er versucht, jeder ihren eigenen Charakter zu geben. Er setzt ganz klassisch auf die Beethovensche Dialektik von Angriff und Zurückhaltung, von Überwältigung und Reflexion. Erstaunlicherweise überzeugen Walters ästhetische Parameter noch heute spontan, sie haben ihre Gültigkeit über alle neueren Lesarten hinweg behalten. Es war sicherlich auch die Zeit bildungsbürgerlicher Blüte, die solcherlei ermöglichte - bevor sie zur kleinbürgerlichen Reaktion absank. Dass es dennoch nicht um letztgültige Wahrheiten ging, sondern durchaus um zeitgebundene Erkenntnis, zeigt der Vergleich mit einer Aufnahme von 1941, als Bruno Walter das Philharmonic-Symphony Orchestra Of New York, wie es offiziell heißt, mit Beethovens Fünfter dirigierte. Es ist das schlechtere Orchester in dieser Zeit, aber mit welchem Engagement, mit welcher Leidenschaft, mit welchem Mut, welcher Wut hier musiziert wird, ist grandios.