Klassikkolumne Altes Testament

Der junge Russe Mikhail Pochekin spielt Bachs Solosonaten und -partiten ein. Die kennt man. Aber haben Sie schonmal von Jean-Louis Duport gehört? Oder von der Österreicherin Johanna Senfter? Nein? Na, dann wird's höchste Zeit.

Von Harald Eggebrecht
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"Das Alte Testament" der Violinliteratur hat Yehudi Menuhin die Solosonaten und -partiten genannt, die "Sei Solo senza Basso" von Johann Sebastian Bach mit der monumentalen Ciaccona, dem Schlusssatz der d-Moll-Partita, als Höhepunkt des Zyklus. Altvater Joseph Joachim war der erste, der die Stücke Ende des 19. Jahrhunderts unverdrossen auf dem Podium spielte, Menuhin der erste, der 1934-36 eine Gesamtaufnahme wagte. Seither hat nahezu jeder Geiger von Rang, von Jascha Heifetz bis zu Isabelle Faust die sechs eingespielt. Nun hat der junge Russe Mikhail Pochekin, Jahrgang 1990, die "Sei Solo" - zu deutsch "Du bist allein" - vorgelegt, so frei von hörbaren Mühen um Mehrstimmigkeit auf einem Melodieinstrument, so frisch, leicht und geradezu selbstverständlich ausformuliert, dass die gefürchteten Fugen aus den drei Sonaten ebenso direkt einleuchten wie die klar artikulierten langsamen Sätze und die herrlich motorisch gespielten schnellen Sätze. Pochekin, unter anderem von Christian Tetzlaff unterrichtet, zeigt so die "Brillanz" dieser Musik, wie sie schon der große Nathan Milstein anstrebte. (solo musica)

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Was Geigern die italienische bedeutet Cellisten die französische Schule, in der die Brüder Jean-Pierre und Jean-Louis Duport (1749-1819) Portalfiguren sind. Der ältere Jean-Pierre machte sein Glück in Preußen bei Friedrich II., während der jüngere Jean-Louis, der als besserer Virtuose galt, zuerst in Paris Erfolg hatte. Als dort die Revolution drohte, zog auch er nach Potsdam. Er kehrte zurück, aber nicht im Triumph, er starb verbittert und verarmt. Raphaël Pidoux hat zum 200. Todesjahr drei Cellokonzerte von Duport mit dem Ensemble Stradivaria untere Daniel Cuiller aufgenommen, melodiös elegant, technisch anspruchsvoll für den Solisten, insgesamt im besten Sinne unterhaltsam. (Mirare)

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Die Komponistin Johanna Senfter (1879-1961) dürfte nur ausgesprochenen Kennern ein Begriff sein. Ihr wichtigster Lehrer Max Reger schätzte die "außerordentliche kompositorische Begabung" und förderte ihre Werke entschieden. Sie lebte bis zum Tod zurückgezogen im Heimatort Oppenheim. In letzter Zeit wird sie wiederentdeckt. So hat der Geiger Friedemann Eichhorn mit dem Pianisten Paul Rivinius zwei Violinsonaten und mit der Geigerin Alexia Eichhorn zwei Suiten für Violinduo eingespielt. Während die Sonaten manchmal wie verfremdeter Brahms klingen, bei allen "Regerismen" durchaus von eigenständiger Emphase und einer eigentümlichen Sehnsucht erfüllt, zünden die Duos als effektvolle Spielmusik. (paladino music)

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Domenico Scarlattis Sonaten im "Dialog" mit Luciono Berios "sechs Zugaben", Franz Schuberts Moments Musicaux im Kontakt mit Jörg Widmanns "Idylle und Abgrund - Sechs Schubert-Reminiszenzen" - damit ist dem hervorragenden italienischen Pianisten Andrea Lucchesini eine der interessantesten CDs der letzten Zeit gelungen. Nicht nur besticht Lucchesinis ausgewogen klares, dabei unprätentiöses Klavierspiel, sondern vor allem kann er zeigen, wie sehr Musik aus ganz verschiedenen Zeiten dennoch ähnliche Wurzeln und Quellen haben kann. Berios Zugaben kommentieren gleichsam Scarlatti, und Widmanns Erinnerungen erscheinen als Spurensuche auf dem Kontinent Schubert. (audite)

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Arrangiert von . . ., das klingt ein bisschen nach Zurichtung, gar Vereinfachung. Der "Verein für musikalische Privataufführungen", den Arnold Schönberg 1918 in Wien gründete und der bis 1921 hielt, verstand darunter etwas anderes. Man wollte jenseits des Betriebs zeitgenössische Musik erstklassig darbieten, "ausschließlich für das Publikum", wie Alban Berg ankündigte. Da kein Orchester zur Verfügung stand, bearbeiteten und spielten Mitglieder des Vereins die Werke, darunter etwa auch Bruckners 7. Symphonie für Klarinette, Horn, 2 Geigen, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier und Harmonium, Max Regers riesiges Violinkonzert für Kammerensemble oder Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune für Flöte, Oboe, Klarinette, 2 Violinen, Kontrabass, Klavier, Harmonium und Zymbeln. Das Linos-Ensemble hat innerhalb von 20 Jahren alle Arrangements des Vereins aufgeführt und aufgenommen. Die acht CDs sind eine Fundgrube, denn plötzlich klingt auch Bekanntes im Licht der Bearbeitungen fremd und die Neugier reizend. (Capriccio)