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Klassik:Unendlich sublim

Den Pianisten Daniil Trifonov wollen derzeit alle hören, weil es noch nie solch einen leicht spielenden Supervirtuosen gegeben hat. Mittlerweile aber versteckt Trifonov das Virtuose. Auch in seiner Chopin-Hommage, mit der er jetzt in München auftrat.

Von Helmut Mauró

Es gab auch enttäuschte Gesichter. Wer sich in Erwartung eines fulminanten Virtuosenprogramms auf den Weg in den Münchner Herkulessaal gemacht hatte, musste seine Wünsche korrigieren. Natürlich spielt Daniil Trifonov, der Hochvirtuose, nicht weniger versiert, wenn er sich weniger effektheischenden Werken widmet. Etwa den Chopin-Variationen des katalanischen Impressionist Frederic Mompou, mit denen Trifonov den Abend eröffnete. Es ging diesmal nur um Chopin und um Werke, die sich auf ihn beziehen, von Mompou, Schumann, Grieg, Barber, Tschaikowsky, dazu die Chopin-Variationen von Rachmaninow. Letztere zeichnen sich nicht nur durch eine prächtig blühende Themenwandlungsfantasie aus, sondern - zumindest spielt das Trifonov so - durch eine schier unendlich sublime Virtuosität.

Das gewohnt Große wird klein, das Unscheinbare erhält Gewicht

Und die war auch das eigentliche Thema des Abends: Wie man das offensichtlich Virtuose zurückdrängt auf seinen musikalischen Gehalt und das scheinbar Unspektakuläre mit Sinnlichkeit und Bedeutung auflädt. In den Mompou-Variationen geschah dies auf harmonischer Ebene: Wo Chopin eine reizvolle Wendung findet, sieht Mompou sogleich Abgründe. Und wo Schumann sich bewundert verneigt, beleuchtet Trifonov den intimen Augenblick, Rachmaninows Einfallsreichtum wird zum streng durchgestalteten Drama. Trifonov bietet allerlei Überraschungen und technische Verblüffungen, im Kern aber diffizil ausgearbeitetes Klangerzähltheater. Im Unterschied zu fast allen Rachmaninow-Virtuosen spielt Trifonov dessen engmaschigen Klaviersatz so luzide und klar binnenkonturiert, dazu so unsentimental, wie man dies nur vom Spiel des Komponisten selber kennt.

Gleiches gilt für sein Chopin-Spiel, das er in der b-Moll-Sonate auf neue Höhen trieb. Zum Beispiel mit feinen Überblendungen von Klängen und Klangfolgen, aus denen der Pianist unerwartete dramatische Kraft zieht. Dann wieder die Zurückhaltung, die schon bei Rachmaninow neue Gestaltungskräfte frei setzte. Wo andere kraftvoll strotzend losprusten, behält Trifonov die Nerven. Das gewohnt Große wird klein, das Unscheinbare erhält Gewicht. Wie etwa im Ges-Dur-Trio die lyrische Melodie in der linken Hand als stufenweise verklingendes Echo nachhallt, das ist grandios. Im Trauermarsch liegt die ganze Schwere in der linken Hand, das Thema in der rechten kommt unsentimental, zunächst kaum hörbar, setzt sich allmählich über die Trauerträgheit hinweg - Musik von fernen Planeten. Dann wieder fährt der Bass krachend hinein.

Trifonov rückt Chopin hier sehr nahe an Beethovens Exzentrik heran. Und er spielt ihn auch so, fern aller Salonseligkeit. Verblüffend, was sich Chopin getraut hat. Das Finale, prestissimo und pianissimo, nichts als ein verwehender Nebel - hat man so konsequent auch noch nicht gehört. Die Zugabe? Als Zugabe kramte Trifonov das Largo aus Chopins Cellosonate hervor. Sein historischer Kollege und durchaus Bruder im Geiste, Alfred Cortot, hat es einst für Klavier arrangiert.

© SZ vom 20.11.2017

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