Klassik Überragend

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"Graindelavoix" sind das beste Ensemble für die Musik des Spätmittelalters und der Renaissance.

Von Helmut Mauró

Zunächst hört man nur etwas verhallte Stimmen in angenehm ruhigem Zusammenklang. Und so bleibt es auch. Dies ist die perfekte Musik, um nicht nur ein bisschen zu entspannen, sondern um ganz runterzukommen und womöglich gar nicht mehr ganz zurück in die Banalität des Alltags zu finden. Und so war diese Musik auch gedacht. Sie sollte nicht nur Gott preisen, sondern den Menschen über sich selbst erheben. Näher bei Gott, aber vor allem: entfernt von aller Alltäglichkeit.

"The Liberation Of The Gothic" (Note 1 Music) nennt Ensemble-Chef Björn Schmelzer das neue, überragende Album seiner Gesangsgruppe Graindelavoix. Es ist eines der besten unter den bislang schon ziemlich guten dieser Formation. Und der Titel ist sogar untertrieben. Denn Schmelzer und seine Sänger befreien nicht nur die Gotik von ihrem Image als teils sehr ehrwürdige Baukunst, teils als stilistischer Ausrutscher des 19. Jahrhunderts, gerade in England. Von dort stammen die beiden Komponisten, deren aufblühende Vokalpolyphonie hier gefeiert wird: John Browne (ca.1480 bis 1505) und Thomas Ashwell (ca.1478 bis ca.1527), beide nicht eben populär. Das könnte sich nun ändern, denn so, wie Graindelavoix das "Salve Regina" von Browne sowie die "Missa Ave Maria" aufführen, hat man diese Musik noch nicht gehört.

Graindelavoix ist das derzeit mit Abstand beste Ensemble für die Musik des Spätmittelalters und der Renaissance. Wenn man bislang andere von dieser grandiosen Musik überzeugen wollte, war man auf wenige Aufnahmen englischer Kathedralchöre angewiesen sowie einiger Highlights deutscher Knabenchöre, insbesondere die Schütz- und Lasso-Aufnahmen des Tölzer Knabenchors. Alle Übrige kann man in der Regel vernachlässigen. Entweder hört man staubtrockene Protestantenchöre oder Kirchenchöre, die den Eindruck erwecken, man habe damals eine sinnenfeindliche Verkniffenheit zum Kunstideal erhoben. Dabei ging es doch gerade darum, unter dem Vorwand der Gottesverherrlichung alles an Pracht und Sinneslust auszuleben, was im harten Alltag keinen Platz hatte.

Graindelavoix ist ein - historisch nicht ganz korrekter - gemischter Chor, oder besser: ein Solistenensemble, das auf die individuelle Ausprägung des Stimmklangs sowie, wichtiger noch, der subjektiven Gestaltung des Klanges und des musikalischen Verlaufs setzt. Subjektiv heißt dabei nicht nach beliebigem Gusto, sondern auf der Grundlage maximaler Informiertheit und technischer Fähigkeiten.

Graindelavoix-Chef Schmelzer hat zudem mit Margarida Garcia den Band "Time Regained - A Warburg Atlas for Early Music" (Verlag MER Paper Kunsthalle, 2 Bde., 528 Seiten) herausgebracht. Darin geht es um den Zusammenhang von Zeichenhaftem und Plastischem, um das plastische Potenzial der Vergangenheit, wie es der Musikwissenschaftler Rudolf von Ficker schon in den Dreißigern beschworen hat.

Schmelzer sucht die Verbindung von Musikforschung und lebendiger Praxis, so wie er für den Klang der Alten Musik ganz neue Quellen erschlossen hat. Zum Beispiel süditalienischen Volksgesang. Was da an Akzentuierung, Verschleifung, Stimmstruktur üblich ist, lässt sich sehr gut für die Verräumlichung der spätmittelalterlichen Gesänge nutzen. Für uninformierte Ohren klingt das manchmal etwas schräg, aber es sind, ähnlich den Blue Notes im Jazz, gewollte intonatorische Querstände, die verlebendigen. In der vom italienischen Volksgesang geliehenen Lebendigkeit und Schlichtheit liegt ungeheure Tiefe. Die feierliche Musik von Browne und Ashwell wird zu einer Symbiose aus persönlicher Nähe und dem fatalistischen Ernst des memento mori - der Tod war allseits präsent. Die hochartifiziellen Kompositionen sind jetzt nicht mehr nur Anbetung und Verklärung, sondern schaffen einen ungleich größeren Seelenraum. Schmelzer zitiert den englischen Kritiker Walter Pater mit der These, alle Kunst strebe nach den Bedingungen der Musik. Beim Hören dieser CD kommt einem keine Gegenthese in den Sinn.