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Klassik:Statt der Trauer nur Trost und Freude

Der Dirigent Vladimir Jurowski ist immer neugierig und auf der Suche.

(Foto: AP)

Vladimir Jurowski ist einer der derzeit vielseitigsten und spannendsten Dirigenten. Jetzt hat er in Berlin das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms mit Heinrich Schütz kombiniert.

"Heute darf man nicht unpolitisch bleiben ... Ich sage oft in meinen Konzerteinführungen, was ich denke." Vladimir Jurowski, 1972 in Moskau geboren, mit achtzehn in Berlin ansässig geworden und demnächst Musikchef der Bayerischen Staatsoper, erläuterte neulich seine Haltung zu Politik und Gesellschaft (SZ vom 30. August). Und wenn er jetzt "Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms, das Gedenken nicht der Toten, sondern Ermutigung der Lebenden, mit seinem Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester eigens mit der hauptstädtischen Feierwoche "30 Jahre Mauerfall" verorten ließ, so gibt dies seine ästhetisch wie auch politisch begründete Kunstanschauung wieder.

In der Berliner Philharmonie sorgte Jurowski nun für eine bemerkenswerte Programmerweiterung, durch ergänzende musikalisch-theologische Gedanken zum "Deutschen Requiem". Vor den Brahms waren zwei Chorwerke von Heinrich Schütz gesetzt worden, dem frühbarocken Komponisten aus Sachsen - ganz im Sinne von Brahms, dem romantisch "Fortschrittlichen" (Schönberg), der sich in der Tradition Alter Musik beheimatet fühlte.

Schütz, der Brahms-Vorläufer: Seine achtstimmige Vertonung des Psalms 84 nimmt den Chorsatz des Brahms-Requiems im Wortlaut vorweg: "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!" Und die Trost-Zeilen der fünfstimmigen, schmerzhaft dissonant strukturierten Schütz-Motette "Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten", komponiert am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648, finden sich im lichten Eingangschor bei Brahms. Die Berliner Chorvereinigung Cantus Domus unter Ralf Sochaczewskys Leitung entfaltete ihre Klangblöcke in "sprechender" Phrasierung, in den polyfonen Tonverästelungen so flexibel wie transparent.

Der Hörer kann wahrnehmen, wie der Dirigent seine Kunst der Gestaltung von innen heraus aktiviert

Keine Pausenzerstreuung nach den beiden tiefgründigen Chorsätzen des Heinrich Schütz. Wladimir Jurowski verleiht dem Brahms-Requiem mit groß besetztem Orchester und einem stark erweiterten Vokalkollektiv - dem Cantus Domus gesellte sich jetzt der Chor des Jungen Ensembles Berlin unter Vinzenz Weissenburger hinzu - trotz der riesigen Klangausdehnung eine dynamisch fein abgestufte Linearität und zugleich Kompaktheit.

Der Hörer kann wahrnehmen, wie der Dirigent seine Kunst der Gestaltung von innen heraus aktiviert, aus seiner Bilderfantasie und Textzuversicht, wie er das von Brahms aus der Luther-Bibel hervorgegangene Requiem-Gedicht im Glauben an jene menschliche Tröstung und Zuwendung versteht, die Brahms dazu brachte, auf den kirchlich tradierten, routinierten Gotteszorn des "Dies irae" zu verzichten.

In aufrechter Körperhaltung, mit fließenden, die Orchesterstimmen und Chorgruppen sacht oder vehement auffordernden Armen und Händen dirigiert Vladimir Jurowski das Requiem als einen Appell nicht der Trauer, vielmehr vertrauensvoller Freude. So strahlend klar, wie Maria Bengtsson mit ihrem prächtigen Sopran den fünften Satz des "Ich will euch trösten" formt, doch so abgründig, wie Matthias Goernes herber Bariton die Bedrängtheit alles Menschendaseins auszudrücken versteht. Jurowski, russischer Künstler und kritischer Zeitgenosse sagt: "Meine Familie und ich machen uns wegen des Rechtsrucks in Deutschland große Sorgen." Er nimmt sich die Freiheit, sagte er im Gespräch, im heutigen Russland, wo er oft dirigiert, Missstände anzusprechen: die Krim-Annexion, den Krieg in der Ostukraine, die Verfolgung von Homosexuellen.