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Klassik:Musik aus dem Moment

Ideale, die zusammenpassen: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eröffnet seine Saison mit dem Dirigenten Daniele Gatti.

Musik ist die Zeitkunst schlechthin. Sie lebt vom Augenblick, dessen Vergänglichkeit sie einerseits schmerzlich bewusst macht, den sie anderseits aber der metrischen Zeit enthebt und damit im Idealfall zur kleinen Ewigkeit macht. "Mystère de l'instant", "Geheimnis des Augenblicks" hat der französische Komponist Henri Dutilleux ein Stück genannt, mit dem der Dirigent Daniele Gatti und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nun ihr Programm im Münchner Herkulessaal eröffneten.

Inspiriert von einem Erlebnis vorüberziehender Vögel in der Natur, besteht das gut viertelstündige Werk aus einer Reihe von zehn ganz unterschiedlichen Sequenzen, Augenblicken gleichsam, in denen die reine Streicherbesetzung, unterstützt von dem in der Kunstmusik ungewöhnlichen Zymbal, dem osteuropäischen Hackbrett, geheimnisvolle, auch spirituelle Räume zu öffnen scheint. Dass am Ende im Ohr des Hörers doch ein schlüssiger Zusammenhang entsteht, zeugt vom Handwerk, aber auch der inneren Freiheit des 2013 gestorbenen Komponisten, der in seinem knapp einhundertjährigen Leben nie viel, aber dafür stets Schlüssiges schrieb. Es zeugt aber auch von der Kunst Daniele Gattis, der jeden dieser Augenblicke genau zeichnet, also immer aus dem Moment heraus agiert, ohne dabei das Ganze aus dem Blick zu verlieren.

Der italienische Dirigent war vor einem guten Jahr ins Fahrwasser der MeToo-Debatte geraten, als ihm das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester wegen "unangemessenen Verhaltens" fristlos den Vertrag als Chefdirigent kündigte. Was genau vorgefallen ist, weiß bis heute niemand, weil man sich vor einigen Monaten in wechselseitigem Stillschweigen geeinigt hat. Gleichwohl brachte die Angelegenheit dem zuvor bei den großen internationalen Orchestern sehr gefragten Dirigenten einen deutlichen Karriereknick ein. Seitdem arbeitet er vorwiegend in seinem Heimatland, wo ihn die Oper Rom als Musikalischen Direktor verpflichtete und er mit "LaFil - Filarmonica di Milano" in diesem Jahr ein eigenes Orchester gegründet hat. Die BR-Symphoniker gehören momentan zu den wenigen nicht-italienischen Orchestern, die an der regelmäßigen Zusammenarbeit festhalten.

Alles Heitere bei Schostakowitsch erledigt dieser Dirigent mitleidlos mit brutaler Härte

Schließlich passen sie in ihren musikalischen Idealen bestens zusammen: Der transparente, stets wendige Klang dieses Orchesters kommt Gattis Streben nach einem leichten, poetischen Musizieren entgegen, das Musik aus dem Moment entstehen lassen will. Man kann es auch in Camille Saint-Saëns' Erstem Cellokonzert hören, das ein formales Experiment ist, bestehend nur aus einem Sonatenhauptsatz, der von einem Menuett unterbrochen wird. Das verlangt nach einer flexiblen Zeitgestaltung, die Gatti gemeinsam mit dem jungen Cellisten Pablo Ferrández deutlich stärker und damit spannender ausreizt als üblich. Das Tempo scheint sich beständig zu dehnen, dann wieder zusammenzuschnurren in einer Lesart, die risikofreudig daherkommt, aber aus sehr genauer Probenarbeit hervorgegangen sein muss, weil Dirigent und Solist dabei ganz ohne das bei Solokonzerten häufig zu erlebende Machtgerangel auskommen. Der 28-jährige Ferrández nutzt sein Debüt bei den BR-Symphonikern nicht für einen auftrumpfenden Virtuosenauftritt, sondern fügt sich mit schlankem, oft zurückgenommenem, dabei immer sonorem und von einem feinen Vibrato belebten Ton in den Orchesterklang ein, was das symphonische Moment des Konzerts unterstreicht. Saint-Saëns' Musik verliert darüber jedenfalls vollständig die ihr nachgesagte klassizistische Starre, lebt vielmehr ganz von der Poesie des Augenblicks, die Gatti in einer Mischung aus Leidenschaft und Understatement hervorkitzelt, vom Moment her empfunden und dabei doch mit leichthändigem Zugriff auf das formale Ganze.

Man wäre nach der ersten Hälfte also glatt geneigt, das Stichwort von der typisch französischen Eleganz zu bringen, wenn Gatti und die BR-Symphoniker sich auf diese Weise nach der Pause nicht auch einen eigenen Zugang zur Musik Dmitrij Schostakowitschs erschlössen. Bei dessen vielgespielter Fünfter Symphonie bleibt stets umstritten, wie ironisch und damit regimekritisch gerade der vorgeblich heitere zweite Satz und der schmetternde Finalsatz gemeint sind.

Einerseits reetablierte sich Schostakowitsch mit dem Werk im Jahr 1937 offiziell als systemtreuer Komponist der Sowjetunion, andererseits bestand er später darauf, gerade dem Schlussjubel das Erzwungene einkomponiert zu haben. Daniele Gatti findet darauf seine eigene Antwort, nicht indem er die Ironie offen ausspielt, sondern indem er alles Heitere und Schmetternde mit einer brutalen Härte erledigt, gleichsam hinter sich bringt. Mitleidlos laut, stählern unfrei klingen diese Passagen, um in den leisen erneut einer flexiblen, von den Orchestersolisten genau durchartikulierten Zeitgestaltung Platz zu machen.

Biegsam hält Gatti zumal das Tempo im langsamen dritten Satz, der nicht wie oft starr klagend, auch nicht als pathetische Anklage daherkommt. Er belebt ihn intim, fast vorsichtig, als dürfe Schostakowitsch sich hier, wenn auch nur leise aussprechen, in der Freiheit des gelebten Augenblicks.