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Klassik in China:Teenage Symphony

The Shell Building in China's Zhuhai

Wochenende in Zhuhai – das Opernhaus ist auf internationalem Standard, obwohl die Stadt für chinesische Verhältnisse klein ist.

(Foto: ddp)

In China ist klassische Musik Jugendkultur. Die Wurzeln der Begeisterung liegen in der Zeit der Kulturrevolution.

Mozart in Zhuhai: Sicher, es geht während der Aufführungen ungemein unruhig in der Halle zu, und anfangs fühlt man sich als alter europäischer Hase, der hier als Juror fungieren soll, mehr als irritiert: Da wird ohne Ende gefilmt und geknipst mit den unentbehrlichen Handys, Kinder laufen geduckt durch die Reihen, aber auch Erwachsene huschen auf der Suche nach der besten Sicht oder einem besseren Platz umher. Geraschel, Getuschel und Flüstern sind nicht zu überhören. Doch nach einer kurzen Gewöhnungsphase merkt man, dass die jungen Leute auf ihre Art sehr wohl bei der Sache sind, nur ist ihre Aufmerksamkeit anders strukturiert, weniger in unseren Hörkonventionen erstarrt. Sie nehmen aktiv teil und ihre Beifallsbegeisterung ist überzeugend und herzlich.

Den gefürchteten "grauen Teppich" europäischer Konzerthallen gibt es hier nicht

Zhuhai also: Hato heißt das Ungeheuer, dessen Spuren unübersehbar sind in der südchinesischen Hafenstadt. Hato, der stärkste Taifun seit etwa achtzig Jahren, fiel Ende August über Hongkong, Macau und Zhuhai mit Windgeschwindigkeiten von über 200 km/h her. Der Hafen wurde so verheert, dass die Fähren von Hongkong die Stadt nicht mehr anlaufen konnten. Auch Palmen und Büsche rund um das Neubauquartier Huafa Place sehen noch 14 Tage nach dem Sturm mehr als mitgenommen aus.

Das ändert sich rasch während der folgenden zwei Wochen des Internationalen 2. Zhuhai Mozart-Wettbewerbs für junge Musiker in den Fächern Klavier und Violine. Täglich rücken quasi Regimenter von Gärtnern und Gärtnerinnen an, jäten, reißen aus, arbeiten den Boden durch und pflanzen neu, sodass ziemlich bald wieder der Eindruck von gediegener Gartenpracht rund um die imponierenden Bauten vorherrscht. Die Architektur in diesem in den letzten Jahren hochgezogenen und weiter wachsenden neuen Stadtteil will spektakulär sein: Der gläserne Zhuhai Tower schießt 300 Meter in die Höhe, das riesige Konferenz- und Ausstellungs-Center birgt unter den vielen Räumen zwei prächtige Konzertsäle verschiedener Größe und jeweils guter Akustik.

Den Anspruch internationalen Standards unterstreichen die chinesischen Organisatoren selbstbewusst. Der Wettbewerb findet nicht nur in Kooperation mit dem Mozarteum in Salzburg statt, von den acht bzw. sieben Juroren stammen fünf aus Europa und Amerika. In den drei Runden stellen die jungen Chinesen mehr als achtzig Prozent der Kandidaten, glänzend ausgebildet und bestens vorbereitet. Was einen als Juror besonders beeindruckt, ist die Selbstverständlichkeit im Umgang mit der europäischen, also westlichen Musik.

Aber noch vielmehr überrascht, dass es beim Abschlusskonzert im großen Theatersaal, auf dessen Bühne auch Opern aufgeführt werden können, im Publikum nur so wimmelt von jungen Eltern mit ihren Kindern, Studenten und Teenagern. Den gefürchteten "grauen Teppich", der so typisch und fast sprichwörtlich für europäische und amerikanische Konzerthallen geworden ist, also ein deutlich älteres Publikum gegenüber immer jünger werdenden Musikern und Solisten, den gibt es hier so gut wie nicht.

Karajan musste noch in Sporthallen gastieren, heute gibt es moderne Konzertsäle

Schon 2012 wies der damalige Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Lorin Maazel, auf diesen Umstand hin: "In China ist es anders, da haben die Älteren keine Ahnung von Klassischer Musik, die Säle sind voll mit Dreißigjährigen und jüngeren, in Kindergärten und Schulen hören und spielen sie Klassische Musik." Und weiter: "Was tue ich, was tun andere Musiker? Wir fahren nach Asien, wo unsere Kultur gepflegt und geliebt wird." Ähnliches haben inzwischen viele amerikanische und europäische Musiker bestätigt. Das zeigen auch die vielen imposanten Konzerthallen, die in den letzten dreißig Jahren entstanden sind und weiter entstehen. Musste Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern 1979 noch in einer großen Sporthalle antreten, war das Publikum noch undiszipliniert, aß, trank und sprach, sodass der Maestro fast verzweifelte, so halten inzwischen neu gebaute Konzert- und Opernhäuser und deren Säle allen internationalen Vergleichen stand. Akustikgurus wie der berühmte Yasuhisa Toyota oder die bekannte Münchner Akustikfirma Müller BBM trimmen die Säle auf bestes Hören. Wer in der Bucht von Zhuhai dann die künstlich aufgeschüttete Insel sieht, in der wie zwei überdimensionale, in den Sand gesteckte Jakobsmuscheln die zwei neuen Opernhäuser den Blick fesseln, der ahnt sofort, mit welcher finanziellen Wucht hier in Musik und ihren Betrieb investiert wird.

Das Phänomen eines so jungen, vitalen, auch unbekümmerten Auditoriums beginnt letztlich wohl mit dem Ende der Kulturrevolution 1976. Aber auch vor diesem epochalen Einschnitt hatte es lange schon die Beschäftigung mit Klassischer europäischer Musik gegeben. Das älteste chinesische Orchester, das Shanghai Symphony Orchestra kann seine Wurzeln bis 1879 zurückverfolgen. In den Zwanzigerjahren war es der italienische Dirigent Mario Paci, der das Orchester entwickelte und auch chinesische Kompositionen anregte. In den Fünfzigerjahren beeindruckten und beeinflussten vor allem sowjetische Musiker und ihre Ästhetik die chinesische Beschäftigung mit europäischer Musik und die Ausbildung der Musiker maßgeblich.

Doch die Kulturrevolution unterbrach brutal alles, was irgendwie mit westlichem Denken, Vorstellungen und westlichen Künsten zu tun hatte. Man zerstörte allerdings auch die eigenen großen kulturellen Traditionen auf blutige und grausame Weise. Als mit Maos Tod dann diese verheerende Phase endete, hat man sich umso mehr auf das bis dahin Verpönte und Verbotene geworfen, auch und gerade auf die Musik. Bei Literatur und bildender Kunst ist das Misstrauen von Staats wegen immer präsent, Musik dagegen erscheint den Mächtigen da doch viel unspezifischer und ungefährlicher.

So wird besonders dieser Kultursektor nun massiv gefördert mit aufregender Architektur und einem inhaltlichen Anspruch, der den internationalen Standards entsprechen soll und längst auch entspricht. Natürlich hat der Weltruhm und das Spiel des Klavierstars Lang Lang im ganzen Land eine Welle anhaltender Begeisterung ausgelöst, und zahllose Eltern lassen ihre Kinder Klavier lernen in der Hoffnung auf die große Karriere. Auch der Welterfolg des chinesischen Komponisten Tan Dun wird in China beifällig und stolz zur Kenntnis genommen. Längst studieren junge chinesische Musiker in Europa und in den USA, umgekehrt lehren und unterrichten westliche Musikprofessoren an chinesischen Hochschulen und Universitäten. Also muss sich niemand wundern über die Klasse und Souveränität der jungen Musiker im Umgang mit Bach, Mozart, Beethoven und anderen. Doch hier und offenbar auch im übrigen ostasiatischen Raum entspricht der Jugend der Protagonisten auf der Bühne auch die Jugend des Publikums im Saal.

Übrigens war und ist es bei Aufführungen der Peking-Oper, die bis zu fünf, sechs Stunden dauern konnten und können, üblich, zwischendrin hinauszugehen, etwas zu trinken und zu essen und auch sich zu unterhalten. So ähnlich ging es einst in Europa auch in den Akademien von Mozart und anderen zu. Das fest bestimmte Zuhörritual in unseren Breiten kam erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf in den Klubs und Vereinen von Kennern zur Pflege des Streichquartetts.

Der Musikenthusiasmus in China hat seine unüberhörbar sportliche, gewissermaßen nationalolympische Seite: Wenn ein chinesischer Kandidat gewinnt, dröhnt der Beifall heftiger. Das ist jedoch bei hiesigen Wettbewerben nicht viel anders, wenn Lokalmatadoren zu den Siegern zählen. Als Europäer ist man beschämt und erfreut zugleich, es scheint kein Ende des Wachstums im Wahrnehmen Klassischer Musik in China in Sicht, wenn man den gegenseitigen Enthusiasmus von jungen Musikern und Solisten und ihrem ebenfalls so vitalen jungen Publikum erlebt.