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Klassik:Er bändigt das Expressive

Christian Gerhaher singt im Münchner Nationaltheater Franz Schubert und Alban Berg. Wie kaum ein anderer Sänger kann er deutsche Lieder in die Gegenwart projizieren.

Von Reinhard J. Brembeck

"Denn alles ist wie damals noch", singt Christian Gerhaher im Münchner Nationaltheater. Das ist natürlich eine Lüge. Weil ihm seuchenbedingt nur 500 Menschen zuhören dürfen, weshalb er sein Konzert viermal an zwei Tagen singt und damit immer noch nicht die Kapazität des Raums (2100 Plätze) ganz ausschöpft. Es ist aber auch ästhetisch eine Lüge, da die Rezeption der Lieder Franz Schuberts und Alban Bergs, die mixt Gerhaher geschickt in seinem Programm, heute eine ganz andere ist als zu Lebzeiten dieser Komponisten. Und drittens ist das Zitat schon bei Schuberts Textdichter Ernst Schulze eine Lüge: Die Liebste ist weg, was bleibt ist die Materie, also Hügel, Himmel, Fels, Blumen und Nationaltheater.

Christian Gerhaher, vor 51 Jahren in Niederbayern geboren, ist ein Medium, das wie kaumein Sänger sonst deutsche Lieder in die Gegenwart projizieren kann. Auch in diesem Konzert. Gerhaher lebt den in sich zerbrochenen romantischen Einzelgänger, wie ihn Schubert als Erster in Musik gesetzt hat, noch einmal überzeugend in dessen Stücken aus. Die Stimme ist ohne Anstrengung und schön geführt und ungeheuer flexibel. Gerhaher kann aggressiv auftrumpfen - um dann gleich wieder klein beizugeben. Nie singt er eine Phrase mit einheitlicher Tonfärbung oder auf eine übergeordnete Idee hin. Vielmehr zerschrundet er sie. Er formt jeden Ton eigen. Den einen verschattet er, der nächste bricht ungeschützt aus der Deckung, einer sucht Schutz im Nachtdunkel, dann sticht einer heraus wie ein Dolchstoß.

Diese kleinteilige Art des Singens könnte auf Dauer nervtötend sein, bei Gerhaher fasziniert sie. Weil er, ein Mann der Mitte, nie übertreibt, nie an Grenzen geht. Gerhaher domestiziert das Expressive, ohne es ganz zu töten. Das funktioniert bei Schubert ganz hervorragend, stößt aber in den Postkartenliedern Alban Bergs an eine Grenze. Denn Berg versucht sich seinen Vorbildern Franz Schubert und Arnold Schönberg zu entwinden, er will hörbar weg von deren Ichbezogenheit, in der auch Weltekel und Larmoyanz dümpeln. Berg versucht zusätzlich Distanz und Ironie auf streng konstruierte Form aufzupropfen. Könnte dies also nicht mehr Entäußerung des Sängers vertragen? Müsste da nicht auch Pianist Gerold Huber weniger weich und weniger sängerfreundlich devot zu Werke gehen? Langer und glücklicher Beifall setzt solchen Spekulationen schnell ein Ende.

© SZ vom 18.09.2020

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