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Klassik:Die Flucht vor sich

Sopranistin Anja Silja wieder in Berlin

Anja Silja 2006 in dem Monodram 'Erwartung' an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin.

(Foto: Claudia Esch-Kenkel/picture-alliance/ dpa)

Anja Silja war in den Fünfzigerjahren Bayreuths Wundersängerin. Jetzt wird die grandiose Sopranistin 80 Jahre alt.

Wer Anja Silja auf der Bühne erlebt hat, sieht die traumatisierten Opernfrauen - Alban Bergs Lulu und Marie, Richard Wagners Senta, Hector Berlioz' Kassandra und die Salome von Richard Strauss. Als Kindfrau dämonischer Weiblichkeit war sie zur "Gestalterin des psychoanalytischen Zeitalters" geworden, schrieb ein französischer Kritiker. Doch Anja Siljas Kunst entfaltete sich nicht im lyrischen Sopranglanz, im vokalen Farbenreichtum. Sie faszinierte mit der somnambulen Darstellung tief irritierter Frauenfiguren.

Sie war das Sopranwunder der Fünfziger- und Sechzigerjahre - eine Berliner Kriegsgöre, Jahrgang 1940, die dem sie allein erziehenden Großvater die Bildung ohne Schule und die Einübung in die Musik verdankte. Mit zehn kannte sie Wagners Traumfrauen auswendig, stand bald schon auf Podien, mit sechzehn sang sie im Braunschweiger Theater die Rosina in Gioachino Rossinis "Barbier von Sevilla". Es folgte der Weg ins Koloraturfach, zu den Sopranhöhenflügen von Zerbinetta (Richard Strauss) und zu Wolfgang A. Mozarts Königin der Nacht. Heimisch konnte sie dort nicht werden.

Dass eine gerade mal Zwanzigjährige zur Wagner-Höhe Bayreuths aufstieg, als Senta im "Fliegenden Holländer", musste die Musikwelt in Staunen versetzen. Festspielleiter Wieland Wagner und Dirigent Wolfgang Sawallisch hatten für die Wahl genügend Mut besessen, und selbst der Live-Mitschnitt gibt ihnen recht. Der Wagner-Enkel wurde künstlerisch und in der nur schwer lebbaren Liebesbeziehung ihr Schicksal, blieb es bis zu seinem frühen Tod 1966. Er hat "mich gelehrt, was am Theater gültig ist und bleibt: Wahrhaftigkeit ... In mir fand er den Wagner-Typ, den er sich wohl immer gewünscht hatte und der zu seinen und Richard Wagners Bühnenträumen passte. Den des sich aufopfernden jungen Mädchens. Die über alles hinwegsehende Geliebte und Liebende".

Nach Wieland Wagners Tod nahm sie für immer Abschied von Bayreuth, im Grunde von Richard Wagner, musste sich in die Rastlosigkeit der internationalen Karriere stürzen. Was sie immer beflügelte oder ängstigte, benennt der Titel ihrer Autobiografie: "Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren". Der Wunschtraum wurde zum Beweggrund, der sie zur Suche nach den schwierigen, den einsamen, leidenden, gierig gebrochenen Opernheldinnen antrieb. Beethovens Leonore gehörte zu ihnen, selbst Giacomo Puccinis Tosca. Erst recht die Rätselfigur Emilia Marty in Leoš Janáčeks "Die Sache Makropoulos". Die Arbeit mit Ruth Berghaus 1982 an dieser lebensüberdrüssigen, doch nicht sterben könnenden Frau war für Anja Silja, "ein innerer Vorgang, ein fast freudianischer Weg ins Unterbewusstsein".

"Wege und Irrwege" heißt Siljas Buch im Untertitel, in dem sie ihrem Künstlerlebenslauf kritisch ehrlich auf den Grund gehen wollte. Vieles habe sie "in völliger Ahnungslosigkeit, beinahe in Trance" getan. Und "vielleicht war gerade dieses Unbewusste meine Besonderheit ..." Sie hat das Buch Wieland Wagner gewidmet sowie dem Dirigenten André Cluytens, mit dem sie bis zu dessen Tod eine innige, im nötigen Verzicht tragische Beziehung verband. Dem Dirigenten Christoph von Dohnanyi, den sie heiratete, folgte sie für Jahre nach Cleveland, drei Kinder gingen aus der Ehe hervor. Dohnanyi begleitete sie am Pult zielbewusst in den Berg-Opern "Wozzeck" und "Lulu". Die halluzinatorische Erscheinung der einsamen Frau in Schönbergs "Erwartung", dem Monodram weiblicher Verlorenheit, hat Anja Silja mit Dohnanyi auf vielen Podien ins hochdramatische Leben gerufen.

"Ich habe außergewöhnliche Männer geliebt und wurde geliebt", beschließt sie ihre Autobiografie. Was bleibe, sei "das Fliegende-Holländer-Dasein". Reisen, die ständige Flucht vor sich selbst, auf der Suche nach sich selbst". Daran muss sich Anja Silja, sie wird an diesem Freitag 80 Jahre alt, vielleicht nicht unbedingt mehr halten.

© SZ vom 17.04.2020

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