Klassikkolumne:Beethoven trifft Liszt

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Die umfangreichen Klavier-Editionen mit Aufnahmen Friedrich Guldas und Georges Cziffras geben zu denken. Letzteren gilt es dringend zu rehabilitieren.

Von Helmut Mauró

Zwei CD-Editionen machen den Klavierfreund in diesen Wochen glücklich. Die "Complete Decca Recordings" Friedrich Guldas (Decca) - nach der verdienstvollen Veröffentlichung der Solo-Recitals des SWR die aktuell umfangreichste Aufnahme - und die überraschendere: "Georges Cziffra. The Complete Studio Recordings 1956-1986" (Erato). Man kann die beiden Pianisten als paradigmatische Antipoden der Klavierkunst des 20. Jahrhunderts auffassen: Friedrich Gulda, der sein hochmusikalisches Klavierspiel von erkennender Vernunft und reflektierender Intellektualität mitbestimmen lässt, und andererseits Georges Cziffra, der Glamour-Virtuose, der bei näherer Betrachtung aber ein bescheidener, von historischen Schicksalsschlägen gebeutelter Künstler war. 1921 wurde er in Budapest als György Cziffra geboren, als Sohn eines ungarischen Roma, der zymbalspielend durch Europa tingelte. Mit fünf Jahren trat er bereits in einem Wanderzirkus auf, wo er über Themen improvisierte, die ihm aus dem Publikum zugerufen wurden.

Die Fähigkeit des kunstvollen Improvisierens pflegte er sein Leben lang und perfektionierte sie geradezu. Mit neun Jahren begann er ein Klavierstudium, mit 16 tourte er durch Europa. Um es kurz zu machen: 1942 wurde er zur ungarischen Armee eingezogen, spielte vor begeisterten deutschen Offizieren, floh mittels eines zufällig bereitstehenden Eisenbahnzugs und landete in einem russischen Gulag. 1946 wurde er nach Ungarn entlassen, nach einem Fluchtversuch kam er ins Gefängnis, bevor er mit Frau und Kind nach Wien entkam und sich schließlich in Paris niederließ.

Cziffra muss sich die Gewissheit spielend einreden

Man muss das nicht wissen, um allein aus dem Spiel Cziffras heraus zu spüren, welch tiefe Trauer in diesem Künstler wohnte. Und welch unerschütterliche Hoffnung. In den ersten Takten von Ludwig van Beethovens "Pathétique" kommt ein wenig dieser Verzweiflung zutage, in den Verzögerungen, in dem ungewöhnlich langen Halten der Akkorde, dem Nachlauschen, dem schieren Innehalten. Das kommt erkennbar nicht aus einem mangelhaften Rhythmusgefühl, das ist bei Cziffra extrem ausgeprägt. Bei Friedrich Gulda klingt diese Sonate viel entschlossenener, zupackender, selbstgewisser. Cziffra muss sich diese Gewissheit permanent spielend einreden und aufpassen, dass er nicht immer wieder in Melancholie abgleitet.

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Natürlich würde man, ginge es nur um Beethoven-Sonaten, Gulda vor Cziffra den Vorzug geben; bei Chopin wäre es hin und wieder umgekehrt. Kaum eine Beethoven-Sonatenaufnahme kommt an Gulda heran, von den lebenden Pianisten schon gar nicht. Aber dass man Cziffra hierbei gar nicht erst in Betracht zieht, hat möglicherweise auch musikferne Gründe. Man hat ihn in Deutschland als Tastenkasper geringschätzt, so wie man allen, die technisch überlegen waren, den musikalischen "Tiefgang" absprach. Dieses Generalurteil bedarf dringender Revision. Cziffra ist wohl nicht nur der virtuoseste Pianist des 20. Jahrhunderts, auch in seinen musikalischen Zielen und Ambitionen ist er eng mit Franz Liszt verbunden, dem ersten Großvirtuosen am Klavier aus dem 19. Jahrhundert. Cziffras eigene Arrangements und Improvisationen legen diese Sichtweise nahe. Er umspielt Themen und Melodien in ähnlicher Weise wie Liszt, reichert sie mit gebrochenen Akkorden an, durchbricht sie mit über die ganze Tastatur rasenden Läufen, verschiebt Klangfarben in den oberen Diskantbereich, teilt die Klangbereiche, setzt sie schärfer voneinander ab und gibt dem Stück ein geschärftes Profil.

Die kreative Aneignung wirkt auch umgekehrt

Das ist nicht nur Tastenzirkus, sondern auch musikalischer Denksport. Das scheint, bei aller lustvollen Fingerakrobatik, letztlich auch Cziffras eigentliches künstlerisches Vergnügen gewesen zu sein: die Bereicherung des Vorhandenen, indem man es in alle Richtungen weiterdenkt, im kleinsten motivischen Detail wie in der übergreifenden Erzählung. Das geht nicht nur in eine Richtung, vom Schlichten ins Hochvirtuose, sondern diese Art der kreativen Aneignung wirkt umgekehrt oft noch stärker: wenn Cziffra die rasenden Skalen plötzlich einbremst auf normales Spiel- und Hörniveau. Da kommt eine ganz eigenartige Melancholie ins Spiel, die den romantischen Lisztschen Salons ebenso nahe scheint wie den großen kulturellen und menschlichen Abschieden der Moderne. Die Paraphrase über "Die Blaue Donau" von Johann Strauss II wächst zu symphonischer Größe heran - nicht nur quantitativ. Auch wie er einen Ungarischen Tanz von Johannes Brahms, der aus einfachen Volksmelodien komplexe Kunstmusik gestaltete, noch weiter in die Extreme treibt, ist schon rein kompositorisch beeindruckend, vom dazu erforderlichen technischen Können mal abgesehen. Die meisten Versuche, dies nachzuspielen, dürften kläglich enden.

Offenbar spielt Cziffra noch auf einem älteren Flügel-Modell mit weniger voluminösem Ton, mit geringerer Anschlagstiefe, einer leichtergängigen Mechanik, die solch rasende Geschwindigkeiten ermöglicht. Cziffra feiert aber nicht sich, sondern öffnet den Erlebnisraum auch für das musikalisch Zirzensische, das seit Wagner und Toscanini verpönt ist. Das aber die Menschen immer fasziniert hat, auch diejenigen, die Musik für eine rein intellektuelle Kunst halten oder sie als solche hermetisch behaupten wollen. Und wenn man sich einfach nur von großer Klavierkunst inspirieren lassen will? Dann ist man bei beiden richtig. Es müssen dafür gar nicht die wuchtigen Schlachtrösser sein. Eine Beethoven-Bagatelle mit Friedrich Gulda oder Couperins bunt flatternde "papillons" mit Georges Cziffra beeindrucken ebenso.

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