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Klassik:Baritonsänger Matthias Goerne

(Foto: Label)

Es ist nicht mehr der jugendlich draufgängerische Charme, der einem hier entgegenspringt, mit dem der Bariton Matthias Goerne lange Zeit begeisterte, den er mit mächtiger Statur geradezu verkörperte und den man vielleicht noch einmal aus Robert Schumanns romantischem "Liederkreis op.21" herauszuhören hoffte. Es ist, in einigen Liedern dämmert es herauf, schon ein erster Abschiedseindruck. So zärtlich und altersweise, berührt und doch unberührbar klang er bisher nicht. Goerne ist inzwischen ein würdevoll gereifter, aber immer noch kraftstrotzender Held, der in seiner Zerrissenheit das Spannungsfeld von Idylle und Abgrund so weit aufstemmt wie kaum ein anderer Sänger seiner Generation. Vom Zauberflöten-Papageno bis Wagners Wotan reichte sein Kernrepertoire und kulminierte im Charakter von Alban Bergs "Wozzeck". Eine seiner Paraderollen, in denen er weltweit gefeiert wurde. Matthias Goerne schaltet aber nicht einfach von einer Rolle in eine andere, sondern schleppt gleichsam die alte Partie mit in das nächste Drama, macht jede Rolle immer noch viel größer als die vorhergehende. Oper und Lied sind für ihn dabei gleichermaßen musikdramatische Genres, die man gar nicht so genau trennen muss, wie das gemeinhin als selbstverständlich gilt. Seine umfangreiche Edition von Schubert-Liedern, begleitet von den unterschiedlichsten Pianisten, zeigt die enorme Bandbreite des Ausdrucks, des Musikverständnisses, des klangintensiven Nachempfindens und vor allem: seines dramatischen Instinkts. Dass er sich dabei manchmal gegen alle gestalterische Vernunft Freiheiten nimmt, die ihn als Künstler in den Mittelpunkt rücken, schmälert das Unterfangen im Falle von Schumanns ideell-emotional weitverzweigten Liedkompositionen kaum. Noch einmal geht Goerne hier an seine weit gesteckten Grenzen. Vom bedrohlich donnernden Bassbereich bis in lyrisch falsettierte Höhe reicht sein farbenreiches, immer inhaltlich begründetes Klangspektrum. Noch eines zeichnet Goerne vor anderen Liedsängern aus: Er hat immer ein sicheres Gespür für die passende Besetzung des Klavierparts bewiesen. Das war ihm nie Nebensache. Leif Ove Andsnes ist diesmal sein kreatives Gegenüber, das den Raum schafft für den Gesang.