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Klassik-CDs:Klassikkolumne

Neue Aufnahmen von jungen Frauen und alten Männern überraschen mit ungewohnten Hörerlebnissen. Dabei sind viele davon nicht erst jetzt eingespielt worden.

Von Helmut Mauró

Das Klangkollektiv Wien mit seinem Chefdirigenten Rémy Ballot hat bereits mit Aufnahmen von Beethovens Dritter oder Schuberts Unvollendeter nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Nun kommen die übrigen beiden Wiener Klassiker zu Wort: Joseph Haydn und Wolfgang Amadé Mozart (Gramola). Für viele Menschen gibt es nichts Langweiligeres als klassische Musik. Und es gibt Aufnahmen, die können diese Überzeugung spielend bestätigen. Deshalb ist man bei den großen Klassikern oft ganz erwartungshibbelig auf Hochdramatisches, Hochgeschwindes. Mozarts "Figaro"-Ouvertüre bietet dafür einen Turbo-Einstieg. Für die Fagotte ist es ein wahrer Höllenritt, aber sie schaffen es doch einigermaßen, mit den schnellen Violinen Schritt zu halten. Und doch, das Ereignis ist diesmal nicht das virtuos Furiose, sondern ganz im Gegenteil, die Meeresruhe herrlicher Liegeklänge und entschleunigter musikalischer Erzählung. Denn was nach dem Presto-Beginn kommt, ist an Plastizität und Klangschönheit kaum zu überbieten. Da kann man in Wien offenbar noch immer mit einer ungebrochenen Aufführungstradition der Klassiker wuchern. Allerdings wären die längst totgespielt, gäbe es nicht immer wieder den konkurrierenden Ehrgeiz, die Musik Haydns, Mozarts, Beethovens und Schuberts noch einmal neu zu erfinden. Immer wieder, beharrlich. Dies scheint das eigentliche Geheimnis zu sein: Die sich selbst erfüllende Überzeugung, nirgendwo sonst käme man Mozart näher als in Wien, verbunden mit dem realistischen Eindruck, nirgendwo sonst sei der Innovationsdruck neuer Klangdeutung so hoch wie hier.

Das Violinkonzert von Jean Sibelius gehört zu den großen spätromantischen Tonwundern, das auch von der Geigerin Fenella Humphreys und dem BBC National Orchestra of Wales staunend groß in Szene gesetzt wird (resonus). Humphreys verfügt nicht nur über die nötige virtuose Sicherheit, manchmal auch Robustheit, sondern auch über ein lyrisches Grundbewusstsein, das fulminante Leichtigkeit und konzentrierten Ernst fruchtbar zusammenführt. Doch das glamouröse Ende kommt noch. Es sind sechs Humoresken von Sibelius, die der Solistin noch mehr eigenständige Entfaltungsmöglichkeiten bieten und nicht nur für den Hörer, sondern offenbar auch für die Geigenvirtuosin immer wieder überraschende Wendungen bieten, die es lohnt, neugierig auszuleuchten.

Vor Kurzem hat die französische Dirigentin Laurence Equilbey mit ihrem Insula Orchestra und dem ebenfalls von ihr gegründeten Accentus-Chor eine bemerkenswerte Einspielung von Carl Maria von Webers "Der Freischütz" vorgelegt (Erato), neben Mozarts "Zauberflöte" eine der ersten und bis heute beliebtesten deutschsprachigen Opern. Die Aufnahme begeistert nicht nur deshalb, weil die Titelpartie - im Gegensatz beispielsweise zu der des "Kaspar" - mit Stanislas de Barbeyrac hervorragend besetzt ist, sondern weil sich von den ersten Klängen der Ouvertüre bis zum letzten Atemzug in der Wolfsschlucht ein dramatischer Spannungsbogen hält, der trotz ausgedehnter lyrischer Einlassungen stets präsent ist. Ein schönes Beispiel dafür, dass eine Aufnahme auch mit punktuellen Schwächen insgesamt gelingen kann.

Nein, er kann nicht nur Bach, dessen innere Kantaten-Dramaturgie er auch gerne mal ausdrucksexzessiv überdehnt, sondern auch ganz anderes. Der Dirigent John Eliot Gardiner hat mit seinem Monteverdi Choir und diversen Orchestern von Buxtehude bis Franz Lehár alles Mögliche aufgeführt und vieles auch publikumswirksam eingespielt. Sein Augenmerk scheint stets auf einer breiten Hörerschaft zu liegen, nicht auf einer spezialisierten Kenner-Gemeinde. Das kann man bis ins Detail verfolgen und den steten Kraftausdruck mal genießen, mal weniger überzeugend finden. In einer umfangreichen, beeindruckenden CD-Edition erscheint nun gleichsam sein Lebenswerk (DG). Der Schwerpunkt seines Wirkens liegt tatsächlich auf deutschem Repertoire, von Heinrich Schütz bis Alexander von Zemlinsky. Gleichwohl findet man neben Beethovens wichtigsten Werken, neben Mozart und Schumann auch die großen Monteverdi-Opern oder Henry Purcells "Feenkönigin". Repertoireüberraschungen wird man also hier nicht suchen. Die findet man eher in der ebenso umfangreichen Lebens-Edition des mehr als 20 Jahre älteren, aber nie wirklich gealterten, unglaublich vielseitigen André Previn (The Warner Edition). Sie beginnt gleich mit Ravi Shankars "Concerto for Sitar and Orchestra" und hält etwa mit Aufnahmen des jungen Nigel Kennedy und eigenen Werken allerhand Entdeckenswertes parat.

© SZ/hy
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