Kino Zeitzeugen als Avatare

Die Ausschwitzüberlebende Eva Schloss stellte sich als Zeitzeugin in 3D zur Verfügung, dokumentiert im Kurzfilm "116 Cameras".

(Foto: USC Shoa Foundation)

Die zehnten Jüdischen Filmtage München bewähren sich als Forum für diskussionswürdige Dokumentationen und lassen dabei Raum für Unterhaltsames

Von Eva-Elisabeth Fischer

Es ist schon ein kleines Jubiläum, das die Jüdische Gemeinde entsprechend ankündigt. Aber auch nach den zehnten Jüdischen Filmtagen wird es jede Menge Sehenswertes für weitere Ausgaben geben. Denn zum einen taucht nach wie vor historisches Material auf, das neue, auch filmische Recherchen rechtfertigt. Zum anderen ist da noch der nimmerversiegende Quell Israel als sehr produktives Filmland.

Jüdisches Leben in der Alten Welt ist nach wie vor geprägt von der Schoah. Das legt das aktuelle Programm nahe. Der Blick auf das Menschheitsverbrechen freilich verändert sich mit dem Wechsel der Generationen und dem immer größeren zeitlichen Abstand von nunmehr nahezu 80 Jahren. Vor allem dadurch, dass selbst die Zeugnisse, die den letzten Überlebenden noch abgerungen werden, die Zeit ohne Zeitzeugen und die damit einhergehende endgültige Historisierung des Geschehens nicht aufhalten können. Deshalb ist der nur 15-minütige Dokumentarkurzfilm "116 Cameras" mit Podiumsgespräch so bedeutend (4. Februar, 19 Uhr, NS-Dokumentationszentrum). Hier wird vorgestellt und diskutiert, wie vor allem junge Menschen künftig über den Holocaust unterrichtet werden: Mittels diverser Hologramme, die den interaktiven Austausch mit den nur mehr virtuell präsenten Zeitzeugen in 3D ermöglichen.

Auf jede Frage gebe es eine Antwort. Das verspricht auch die NS-Dokuzentrumsdirektorin Mirjam Zadoff, die das Podium moderiert. Ihr favorisiertes Vermittlungstool allerdings setzt, basierend auf 54 000 Zeitzeugengesprächen des Shoah Foundation Institute for Visual History and Education der University of Southern California, einen erwartbaren, wenn auch weitgefassten Fragenkatalog voraus. Wie das System funktioniert, demonstriert Davina Pardos Dokumentation "116 Cameras", in deren Mittelpunkt die Auschwitzüberlebende Eva Schloss steht. Diese ist sich sehr wohl im Klaren darüber, wie sehr sich ihre Rolle als Zeitzeugin mit den Zeitläuften verändert hat. Ihr Fortleben als Avatar im Cyberspace verschiebt die Schoah in einen virtuellen, jederzeit auch ideologisch manipulierbaren Raum.

Auch insofern erdet einen der Eröffnungsfilm "Die Stille schreit" von Josef Pröll mit einer niederschmetternden Fülle detailliert aufbereiteter Fakten. Im Mittelpunkt seiner Dokumentation stehen die Augsburger Fabrikantenfamilien Friedmann und Oberdorfer. Geboren im amerikanischen Exil, recherchiert die 2001 nach Augsburg zurückgekehrte Miriam Friedman, was ihr die Eltern Fritz Friedmann und seine Frau Elisabeth, geborene Oberdorfer, all die Jahre verschwiegen hatten. Wie die nüchtern vorgetragene, in ihrer ausgeklügelten Konsequenz letztlich tödliche Systematik von Ausgrenzung, die "Arisierung" jüdischen Eigentums, Ghettoisierung und schließlich Deportation in die Todeslager noch nach 1945 einfach fortwirkte, auch das erzählt dieser Film: Die Regenschirmmanufaktur, die den Friedmanns weggenommen worden war, feierte unter den Nutznießern Hoffmann in den Fünfzigern unangefochten ihr 100-jähriges Firmenbestehen. Immerhin bekam Miriam Friedmann das Bild "Bauernstube" aus dem Besitz ihrer Großeltern im Zuge der Restitution von der Bayerischen Staatsgemäldesammlung zurück (17. Januar, 19 Uhr, Jüdisches Gemeindezentrum).

Den Alltag der Vernichtung in all seiner Grausamkeit durchlitt Abraham Sutzkever im Wilnaer Ghetto, wo auch seine Mutter in der Schlucht von Ponar ermordet wurde. Der größte jiddisch schreibende Dichter reüssierte nach der Schoah ausgerechnet in seiner Wahlheimat Israel, wo das Jiddische nur schlecht gelitten war. Der ebenso erschütternde wie erhellende Film "Schwarzer Honig. Leben & Werk von Abraham Sutzkever" des Israelis Uri Barbash wird am Sonntag, 27. Januar, 17 Uhr, im Gemeindezentrum gezeigt.

10. Jüdische Filmtage, Do., 17. Jan., bis Mi., 27. Feb., Jüd. Gemeindezentrum, www.ikg-m.de