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Kino:Wahrheit aus Plastik

Ein Mann flieht in eine Puppenwelt, wo er sich von starken Frauen beschützt weiß – Szene aus „Willkommen in Marwen“

(Foto: Ed Araquel /Universal)

Nach einer wahren Geschichte: Robert Zemeckis animiert die Puppenwelt eines traumatisierten Crossdressers. "Willkommen in Marwen" bleibt dabei aber zaghaft.

Von Philipp Stadelmaier

"Based on a true story": Wenn ein Film mit diesem Hinweis beginnt, klingt das oft wie eine Drohung. Achtung, lieber Zuschauer, scheint da zu stehen, was auch immer du nun sehen wirst, es basiert auf der Wahrheit. Also halte dich schön zurück mit deinen Urteilen. Denn wer bist du, dass du dich über die Wahrheit erheben willst?

"Willkommen in Marwen", der neue Film von Robert Zemeckis, beginnt mit einem eben solchen Titel, aber was wir dann sehen, sieht erst einmal nicht sehr wahr, sondern ziemlich künstlich aus. Es ist die Zeit des Zweiten Weltkrieges, ein amerikanisches Kampfflugzeug donnert durch den belgischen Himmel, unter schwerem Flakbeschuss. Die Maschine fängt Feuer, aber der Pilot kann gerade noch landen und steigt unbeschadet aus. Da merken wir, dass er nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern aus Plastik.

Der Plastikmann hat bei der Landung seine Schuhe verloren, aber findet sogleich einen verlassenen Koffer mit Damenschuhen. Er zieht sie an, läuft los und rennt in eine Nazi-Patrouille. Ein Soldat mit Damenschuhen? Die Nazis kriegen sich vor Lachen nicht ein und beginnen, auf ihn einzuprügeln. Plötzlich knattern Maschinengewehrsalven aus dem Dickicht. Der Pilot wird gerettet - von einer Gruppe von Frauen mit großen Brüsten und großen Knarren. Und ebenfalls aus Plastik.

Auch die Story und die Dialoge wirken künstlich, und dafür gibt es einen guten Grund: Ein großer Kindskopf spielt hier mit Spielzeugfiguren. Irgendwann hält das Bild an, und wir wechseln in die Wirklichkeit, blicken durch den Sucher einer Fotokamera, vor der Mark (Steve Carell) die Puppen vor seiner Linse arrangiert. Im Garten seines Hauses einer amerikanischen Kleinstadt der Gegenwart.

Hier beginnt nun die "wahre Geschichte". Mark, der Fotograf, ist Crossdresser, manchmal zieht er Damenschuhe an. Dabei wurde er Opfer eines Hassverbrechens - eine Bande Männer hat ihn halbtot geprügelt. Um das zu verarbeiten, hat er sich sein eigenes Universum geschaffen, eine von Puppen bevölkerte Miniaturwelt namens Marwen, für die er sich Geschichten ausdenkt und in Fotos festhält. Mark Hogencamp, seine Geschichte und seine Miniaturwelt gibt es wirklich. Sie heißt "Marwencol", ebenso wie ein Dokumentarfilm von 2010 über den Mann, der Zemeckis zu seinem Spielfilm inspiriert hat.

In Marwen kämpft Mark als tapferer US-Soldat gegen Nazis, in denen man seine Peiniger im echten Leben erkennen kann, die demnächst vor Gericht gestellt werden sollen. Die Frauen an der Seite des Soldaten sind dagegen Freundinnen nachempfunden, die Mark unterstützen: Die Köchin im Restaurant, in dem er arbeitet, seine Krankenschwester, seine Physiotherapeutin, seine Nachbarin. Und die Frau im Spielzeugladen, die ihn mit Figuren versorgt.

Die Männerfantasien bleiben auf dem Niveau eines unerfahrenen Teenagers

Immer wieder taucht Zemeckis in Marks Spielzeugreich ein, um ihm computeranimiertes Leben einzuhauchen, wie in der Anfangssequenz. Man denkt an die beiden "Lego Movies", an die Euphorie, mit der ihre Macher die ständige Metamorphose einer Welt aus reglosen Legosteinen zelebrierten. Von diesem Kreativitätsrausch könnte "Willkommen in Marwen" nicht weiter entfernt sein.

An sich ist Robert Zemeckis, der Filme wie "Zurück in die Zukunft" gemacht hat, selbst ein quirliger Kopf. Das ändert aber nichts an der Leblosigkeit seines neuen Films. Das Problem sind zum einen die Frauen, die in Marks Welt Männerfantasien auf dem Niveau eines sexuell unerfahrenen Teenagers bleiben. Man kann zwar ihre Diversität loben: eine Frau aus der Résistance, eine russische Soldatin, eine Black Panther-Kämpferin und eine lateinamerikanische Revolutionärin. Trotzdem bleiben sie eben Puppen, die ebenso sexy wie komplett desexualisiert sind. Die kleinen Verführerinnen wollen immer ein bisschen mehr von Mark, aber er, der Soldat, lässt sich auf so was nicht ein. Er ist selbst ziemlich begehrenswert, aber küsst (fast) niemals. Er ist gut, unnahbar, rein.

Dieses Reinheitsbedürfnis ist dann doch recht peinlich. Der Kampf gegen die Nazis stilisiert Mark zum Helden eines Krieges, in dem "wir noch die Guten waren". Am Ende stolziert er mit High Heels triumphierend durch die Gegend, aber Steve Carell wirkt dabei so wenig queer wie John Wayne auf seinem Pferd. Die High Heels sind das Zeichen der Selbstbehauptung eines klassischen, männlichen, weißen, heterosexuellen amerikanischen Helden, der den Teufel tun wird, sich seine neue Freundin auf einer Crossdresser-Party zu suchen. Geht es um die Partnerwahl, dann ist die Richtige das anständige Mädchen nebenan. Ein bisschen mutiger hätte man das schon gestalten können.

Klar - das alles basiert auf einer wahren Geschichte. Aber dem Film hätte es gut getan, sich mehr Freiheiten zu nehmen. So wirkt sie leider wie Mark - nämlich traumatisiert.

Welcome to Marwen, USA 2018 - Regie: Robert Zemeckis. Buch: Zemeckis, Caroline Thompson. Kamera: C. Kim Miles. Mit Steve Carell, Leslie Mann, Eiza González. Universal, 116 Minuten.

© SZ vom 02.04.2019

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