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Kino:Schattenspiele

Die deutsche Kinokomödie "Mein Blind Date mit dem Leben" erzählt von einem jungen Mann, der unbedingt Hotelier werden will, aber nur noch fünf Prozent seiner Sehkraft besitzt. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit.

Eine kurze Hoteltreppe, sechs Stufen nur. Sali (Kostja Ullmann), ein junger Angestellter, rennt sie hinauf, vier, fünf, sechs, zack! Er knallt der Länge nach auf den Boden, es waren dann doch sieben Stufen. Da hört man Hotelgäste, die sich nähern. Sofort rappelt Sali sich auf die Knie und tut so, als sammle er Krümel vom Boden. Die Gäste marschieren an ihm vorbei, wundern sich laut, ob es hier keine Staubsauger gibt.

Eine Szene, die zweierlei zeigen soll: Sali wusste nicht, wie viele Stufen vor ihm liegen, weil er nicht sehen kann. Und er hat eine große Perfektion darin entwickelt, diesen Zustand vor seiner Umgebung zu verbergen, selbst wenn er sich dabei zum Narren macht. Der Zuschauer allerdings kennt sein Geheimnis. Sali will Hotelier werden, unbedingt. Aber dann bricht das Unglück über ihn herein, eine Netzhautablösung, eine Notoperation, am Ende bleibt er mit nur fünf Prozent Restsehfähigkeit zurück. Die Berufsaussichten? Telefonist vielleicht, erklärt ein Sozialarbeiter.

MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN; Film

Ausbilder (Johann von Bülow, links) und Lehrling (Kostja Ullmann).

(Foto: Studiocanal)

Aber Sali will seinen Traumjob nicht aufgeben. Also entwickelt er Mut zum Risiko. Er tritt eine Ausbildung im Bayerischen Hof in München an, ohne offenzulegen, dass er fast nichts sehen kann. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Regisseur Marc Rothemund verfilmt mit "Mein Blind Date mit dem Leben" die Autobiografie eines Mannes, der seine Blindheit geheim gehalten hat.

Um zu zeigen, was für einen Hindernislauf so eine Täuschung bedeutet, zeigt Rothemund gelegentlich die Perspektive seines Protagonisten. Fünf Prozent Sehfähigkeit, da bleibt kaum Helligkeit, schemenhaft ziehen Figuren vorbei, die Orientierung geht verloren. Jede Entfernung wird mit Schritten abgezählt. Jede Tätigkeit muss x-mal durchgespielt werden, bis sie funktioniert. Wie unterscheidet sich die Gin- von der Wodkaflasche, wann ist ein Spiegel sauber, wo ist die Klinge bei der Schneidemaschine? In allen Ausbildungsstationen übt Sali die notwendigen Abläufe, immer heimlich, meistens nachts, bis er sie alltäglich abwickeln kann - nicht unbeholfen, sondern mit der Leichtigkeit eines Sehenden.

Man kann nicht nur über die Tricks des Protagonisten staunen, man fürchtet auch um ihn. Wird er auffliegen, wird er gegen die nächste Wand rennen? Wobei die Pannen natürlich auch zum Vergnügen beitragen, sie sind klassischer Slapstick. Aber zum Glück übertreibt es Rothemund nicht mit den Scherzen, ein Elend, an dem die deutsche Komödie sonst oft krankt.

Sali kann sein Geheimnis nicht vor allen bewahren, ein anderer Lehrling erkennt früh, was mit ihm nicht stimmt. Damit endet aber auch die Einsamkeit in seinem grau verschwommenen Leben, denn in Max (Jacob Matschenz) findet er einen Komplizen. Und weil die Geschichte kein reines Feelgood-Movie werden soll, mischt Marc Rothemund zunehmend riskante Momente in die Abenteuer seiner beiden Helden und stellt auch die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt, oder ob der Betrug des Blinden an den Sehenden womöglich auch Gefahren birgt.

Mein Blind Date mit dem Leben, D 2016 - Regie: Marc Rothemund. Mit Kostja Ullmann, Jacob Matschenz. Studiocanal, 111 Minuten.

© SZ vom 31.01.2017

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