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Kino:Liebe auf Abruf

Film Sorry Angel

Euphorische Momente, der Krankheit abgetrotzt – Szene aus „Sorry Angel“.

(Foto: Verleih)

Christophe Honorés Film "Sorry Angel" erinnert an die schwule Künstlerszene im Paris der Neunzigerjahre, eine Zeit voller Lebenshunger, in der der Tod plötzlich allgegenwärtig war.

"Sorry Angel" beginnt wie eine Flipperpartie. Das jedenfalls ist das Bild, das einem schon beim Vorspann in den Sinn kommt. Bilder von Paris poppen abrupt hintereinander auf, dann die Körper der Hauptdarsteller in willkürlichen Posen - als würde eine Metallkugel zwischen ihnen hin und her schießen, zurückgefedert werden, auf einen neuen Boller prallen, weiterrasen.

Die Welt im Jahr 1993 blinkt und leuchtet, wie im Vorspann. Und so, wie die unsichtbare Metallkugel durch sie hindurch- saust, kann man sich durch sie hindurch-schleudern lassen, auf der Suche nach dem nächsten Körper, dem nächsten Abenteuer. So scheint Jacques zu leben, Mitte dreißig, der am Anfang des Films in einem Pariser Restaurant auf einen Liebhaber wartet, der sich verspätet, irgendwann doch kommt. Der Junge redet wie ein Wasserfall. Er bietet an, Jacques später noch zu begleiten. Letztlich tut er es doch nicht. Die Sache ist etwas Unverbindliches. Jacques nimmt es mit Humor. Für Unverbindliches gibt es genug Gelegenheiten.

Ebenso selbstbewusst wie Jacques ist Christophe Honoré. Der nennt im Vorspann nur seinen Nachnamen: "Regie: Honoré." Mehr braucht es nicht in Frankreich, denn alle kennen ihn: Honoré ist ein renommierter Autorenfilmer, sein neuer Film "Sorry Angel" war dieses Jahr einer der französischen Beiträge im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes.

Auch Jacques (Pierre Deladonchamps) ist ein Künstler. Ein Schriftsteller. Einen neuen Körper, auf den er bald aufprallen wird wie eine Flipperkugel, findet der Film in Form des jungen Arthur (Vincent Lacoste), der einige Zeit mit einer Frau zusammen war, aber auch schwul lebt. Sie lernen sich in einem Kinosaal kennen, als Jacques in die Provinz fährt, wo ein Theaterstück von ihm aufgeführt wird. Das Leben, sagt Arthur, sei besser als jeder Film. Das Leben sei dümmer als jeder Film, entgegnet Jacques. Auf Jacques' Frage, ob er schon mal ein Buch von ihm gelesen habe, antwortet Arthur wiederum: Ich lese nicht die lebenden Autoren. Jacques antwortet: Dann brauchst du bei mir ja nicht mehr lange zu warten.

Dass für Jacques das Leben schlechter ist als jeder Film, und die Filme und Bücher das bessere Leben sind, das kommt daher, dass sich sein eigenes Leben dem Ende zuneigt. Jacques ist an Aids erkrankt - im Jahr 1993 quasi ein Todesurteil. Einer seiner Exfreunde liegt schon im Sterben, wird von ihm zeitweise gepflegt. Jacques zerrt ihn, der sich kaum noch bewegen kann, einmal zu sich in die Badewanne, will Sex mit ihm. Aber am Ende hält er doch nur seinen mit Ekzemen übersäten, abgemagerten Körper fest. Ihm steht bald ähnliches bevor.

Weswegen in "Sorry Angel" die Lebendigkeit und die Körper, die sich suchen und aufeinanderprallen, von Anfang an von dem Wissen begleitet werden, dass das alles umsonst gewesen sein wird. Ein Quickie in einem Hinterhof mit Arthur, eine Nacht im Hotelzimmer: Wenn da echte Liebe im Spiel ist, so kann das Leben doch nicht mehr gegen die Krankheit gewonnen werden. Jacques weiß, er kann noch ein wenig genießen - aber nur um den Preis, dass er die Leute, die ihn umgeben, bald nicht mehr lieben können wird. Weswegen er oft denkt, sie auch jetzt schon nicht mehr lieben zu können. Sein Nachbar und Freund stellt daher schnell fest, dass Jacques mit zunehmender Krankheit auch zunehmend zu einem arroganten Arschloch wird. Natürlich ist Jacques trotzdem auch ein Liebender. Und so entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen ihm und Arthur als Widerstreit zwischen dem Suchen nach Nähe und der Flucht in die Distanz.

Wenn einen das Leben ankotzt, weil man stirbt, bleibt einem immer noch die Kunst. Und wenn man zu stolz ist, als sterbender Mann seinem Lover gegenüberzutreten, muss man ihn eben am Telefon mit Bildung beeindrucken. Arthur hat gerade selbst einen blonden Jüngling abgeschleppt, als Jacques ihn anruft und ihm die verschiedenen Typen erklärt, an die man so geraten kann. Walt Whitman, Christopher Isherwood und W. H. Auden sind dabei die Namen schwuler Schriftsteller, die ihm in seiner Vorlesung als Referenzen dienen. Da gibt es den Idealtypen, den falschen Idealtypen, die Schlampe, den Durchschnittsboy... Arthur macht sich am anderen Ende der Leitung eifrig Notizen. Welcher Typ ist wohl sein blonder Toyboy im Schlafzimmer?

Wenn hier der Schriftsteller-Autor Jacques literarisch auftrumpft, dann gilt das natürlich auch für den Filmemacher-Autor Honoré. Auch mit Verweisen auf die Filmgeschichte hält sich Honoré nicht zurück, als guter französischer Autorenfilmer kennt er diese wie seine Westentasche. Schon in seinen früheren Filmen wie "In Paris" und "Chanson der Liebe", verspielte Musicals und Dreiecks-Liebesgeschichten, hatte er die Nouvelle Vague von Truffaut bis Jacques Demy, der 1990 auch an Aids gestorben ist, rauf und runter zitiert. In "Sorry Angel" erinnert die Sturheit der Figuren, die Zerrissenheit zwischen Stolz und Begehren, an die widerborstigen Personen bei André Téchiné, der später mit "Wir waren Zeugen" der Aids-Epoche ein filmisches Denkmal gestiftet hat.

Interessant sind aber vor allem die Poster, die an den Wänden der Wohnungen hängen: Filmplakate von "Boy Meets Girl", dem Debütfilm von Leos Carax, und von "Querelle", dem letzten Film von Fassbinder, beide aus den Achtzigerjahren. Es sind erste und letzte Filme, ebenso wie es hier um eine erste und um eine letzte große Liebe geht. Und das ist, bei aller Augenzwinkerei in Richtung des cinephilen Zuschauers, dann doch ganz schön.

Man muss kein großer Fan von Honoré und nicht mal dieses Filmes sein, um ihn dennoch berührend zu finden. Es reicht, ein Fan von Truffaut zu sein. Denn gegen Ende des Films steht Arthur an Truffauts Grab in Paris. Auch Arthur will Filmemacher werden, wie Honoré. Aber in diesem Moment weicht auch schon die Euphorie filmgeschichtlichen Zitierens und die Selbstbespiegelung des französischen Autorenfilmers Honoré einer düsteren Ahnung: Dieser Film ist gar keine Feier des Kinos. Dieser Film ist ein Grab.

Aus diesem Grund lohnt es sich, noch den Abspann des Films auszusitzen. Um zu sehen, was sich im Vergleich zum Vorspann geändert hat. Das flapsige und heitere Aufpoppen von Bildern und Namen ist passé, verwandelt in einen großen, weißen Schriftblock, der in der Dunkelheit langsam abläuft. Als würde es sich um die Inschrift auf einem Grabstein handeln. Vor einem Film, der wie eine Flipperpartie beginnt und wie eine Beerdigung endet, kann man schon mal seinen Hut ziehen.

Plaire, aimer et courir vite, Frankreich 2018 - Regie und Buch: Christophe Honoré. Kamera: Rémy Chevrin. Mit Pierre Deladonchamps, Vincent Lacoste, Denis Podalydès. Edition Salzgeber, 132 Min.

© SZ vom 29.10.2018

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