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Kino:Lehrmeister des Selbstseins

In Cédric Klapischs Film "Der Wein und der Wind" müssen sich drei junge Franzosen der Winzer-Tradition ihrer Familie stellen - und der Frage, ob im Wein noch Wahrheit liegt.

Von Rainer Gansera

Im Wein ist Wahrheit und noch vieles mehr: die Poesie der Erde, Seelenerkundung, "Balsam für's zerrissen' Gemüt" (Schiller). Kein anderes Sujet wird derart reich von Sinnsprüchen, Zaubermetaphern und Ritualen umrankt, keine andere Errungenschaft dient so unmittelbar selbst als Quell der Inspiration. Darum geht es natürlich in Cédric Klapischs Familienchronik "Der Wein und der Wind", die sich ernst und zärtlich in den Rhythmus der Natur einschwingt. Aber auch um zwei weitere Heiligtümer der Franzosen: die Liebe und die Familientradition.

Was verbindet uns mit der Landschaft unserer Kindheit, was ist unsere Eigenheit?

"Ce qui nous lie" ("Was uns verbindet") lautet der Originaltitel, der zuerst direkt familiär gemeint ist. Was verbindet drei Geschwister, die auf einem kleinen Weingut in der Bourgogne aufgewachsen sind und sich nun, nach dem Tod des Vaters, fragen müssen, ob sie den Weinanbau weiterführen oder ihr Erbe als Immobilie verscherbeln sollen? Das Trio der gegensätzlichen Temperamente besteht aus dem aufbrausenden Feuerkopf Jean, der empfindsam-zarten Juliette und dem braven Jérémie (Pio Marmaï, Ana Girardot, François Civil).

Erzählt wird aus der Perspektive des ältesten der Geschwister, dem dreißigjährigen Jean, der den Hof übernehmen sollte, aber vor zehn Jahren, völlig zerstritten mit dem Vater, das Abenteuer in Australien suchte und nun ans Bett des todkranken Familienoberhaupts zurückkehrt - gerade noch rechtzeitig zur Versöhnung.

Doch wichtiger als die Frage, was die Geschwister untereinander verbindet, ist die Frage nach dem, was sie mit dem Weinbau verbindet, also mit dem Ort, der Landschaft, der Hingabe an die Kultivierung der Reben. Der Wein bezeugt seinen Standort, Bodenbeschaffenheit und Sonneneinstrahlung als seine charakteristische Eigenheit, und die Entfaltung von Eigenheiten ist das innerste Thema aller Filme von Cédric Klapisch.

DER WEIN UND DER WIND; Wind und der Wein

Im Weinberg der Familie – die Geschwister Jean (Pio Marmaï) und Juliette (Ana Girardot) in Cédric Klapischs Film „Der Wein und der Wind“.

(Foto: Studiocanal)

Der schön komponierte Bilderreigen beginnt mit einer Kindheitserinnerung, dem Blick aus dem Fenster auf die hügelige Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten: "Als ich klein war, sah ich jeden Morgen aus dem Fenster und dachte, jeder Morgen sieht anders aus." Metamorphosen der Weinberge, von schneebedeckt bis sonnendurchstrahlt.

Der Gott des Weines ist auch der Gott des Festes, der Enthemmung und Erleuchtung

Diese kleine Montage hat einen Zauber, der die ganze Erzählung hindurch spürbar bleibt. Sie zeigt etwas von dem Glück, hier aufgewachsen zu sein, und sie bereitet darauf vor, dass die detailgenaue Schilderung des Weinanbaus über ein Jahr hinweg - vom Wachstum der Reben bis zur Reifung des Weins in den Fässern - zur Metapher dafür wird, was die drei Geschwister an Wachstum und Reifung selbst noch zu absolvieren haben.

Der Gott des Weines ist auch der Gott des Festes. Im Fest offenbart sich die Zauberkraft der Gärungsprozesse fulminant, besonders beim Weinfest nach der Ernte, das bis in die Morgenstunden zelebriert wird. Trinksprüche, Tanz, Gesang, Küsse, Ausschweifung und Erleuchtung. Die Enthemmung wird zum Katalysator der Selbstfindung.

Während er die schöne Nachbarin anflirtet, entdeckt Jean, dass seine Abenteuerlust vor zehn Jahren vor allem ein Fluchtreflex war. Jérémie wird ermutigt, sich gegen die Bevormundung durch seinen Schwiegervater zu wehren, und Juliette entdeckt, dass sie als Winzerin endlich aus dem Schatten des Vaters heraustreten muss und ihre eigenen Ideen realisieren sollte.

Schon als Kind konnte Juliette besser als ihre Brüder die Fruchtnoten des Weins, Zitrone und Litschi, erkennen und unterscheiden, und wenn sie nun barfuß die Trauben im Kelter-Bottich zertrampelt, erscheint die Arbeit auf dem Weingut als ein herrliches, beneidenswertes Spiel. Alle drei dürfen ihr Selbstbewusstsein entwickeln und eine Welt entdecken, in der sich die Dinge aufeinander reimen. In einer Mischung aus Drama und Gesellschaftskomödie präsentiert Klapisch diese Lernprozesse, die bisweilen das Klischee streifen, aber von der Spielfreude der Darsteller prächtig durchgetragen werden.

Ein wenig fragmentarisch wird das Thema Liebe behandelt, was damit zu tun hat, dass für Klapisch, der mit seiner fröhlichen Studenten-WG aus "L'auberge espagnole" berühmt wurde, immer schon die Themen Freundschaft und Komplizenschaft wichtiger waren als amouröse Abenteuer. Das familiäre Miteinander, zu dem die Geschwister neu finden, zeigt er als den Zusammenhalt bester Freunde. Das ist seine Utopie von Gemeinsamkeit. In der Freundschaft gelingt es besser als in der Liebe, dass man den andern in seinem Selbstsein bestärkt, und der große Lehrmeister des Selbstseins ist der Wein.

Ce qui nous lie, F 2017 - Regie: Cédric Klapisch. Buch: Santiago Amigorena, Cédric Klapisch. Kamera: Alexis Kavyrchine. Mit: Pio Marmaï, Ana Girardot, François Civil, Jean-Marc Roulot. Verleih: Studiocanal, 113 Minuten.

© SZ vom 14.08.2017

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