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Kino in Polen:"Zivilisationskrieg" 

Arkadiusz Jakubik

Arkadiusz Jakubik in "Klerus". Der Film fand kaum Financiers, gedreht wurde in tschechischen Kirchen.

(Foto: Kino Swiat/Kler/Bartek Mrozowski)

Polen strömt in die Kinos, um "Klerus" zu sehen, einen Film über Missbrauch in der katholischen Kirche des Landes. Die Regierung tobt.

Der polnische Filmverleih "Kinowelt" rechnete mit starkem Interesse, als er den Start von "Klerus" plante. So lief der Film des Regisseurs Wojciech Smarzowski über sexuellen Missbrauch und andere Missstände in Polens mächtiger katholischer Kirche am 28. September gleich in 478 Kinosälen an. Selbst dies war zu wenig: Allein am vergangenen Wochenende sahen über 935 000 Polen den Film. Ein Kino-Ansturm, wie ihn Polen seit Jahrzehnten nicht erlebt hat.

In manchen Städten sind "Klerus"-Vorstellungen Tage im Voraus ausverkauft. Die Debatte über den Film reicht bis in die staatlichen Abendnachrichten. Liberale Polen feiern den Film als überfälligen Tabubruch. Einige Kirchenfunktionäre wie Regierungspolitiker sehen einen Angriff angeblicher Feinde Polens auf die Kirche, rufen zum Boykott auf oder wollen den Film gar verbieten lassen.

"Klerus" erzählt die Geschichte dreier befreundeter Priester: Leszek Lisowski (Jacek Braciak) dient am Hof des Erzbischofs und will endlich in den Vatikan nach Rom kommen. Dafür schreckt er selbst vor Erpressung nicht zurück. Tadeusz Trybus (Robert Więckiewicz) dagegen ist Dorfpriester, Alkoholiker und zudem mit der von ihm schwangeren Hanka Tomala (Joanna Kulig) zusammen. Hauptheld Andrzej Kukuła (Arkadiusz Jakubik) ist Priester einer Kleinstadtkirche - und pädophil.

Nachdem ein von ihm missbrauchter Ministrant einen Selbstmordversuch begeht, kommt das Verbrechen Kukułas, der als Kind selbst von einem Priester missbraucht wurde, ans Licht.

Doch Erzbischof Mordowicz (Janusz Gajos), beschäftigt mit dem Bau eines gigantischen Kirchenzentrums und politisch bestens vernetzt, vertuscht alle Missbrauchsfälle und schickt den Priester in ein Heim für pensionierte Kleriker.

Polnische Kinogänger erkennen in "Klerus" Bezüge zur Realität: zur Allianz zwischen etlichen Erzbischöfen und der regierenden nationalpopulistischen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS). Zur millionenschweren Förderung des Medien- und Schulimperiums des erzkonservativen Paters Tadeusz Rydzyk. Vor allem zum Thema: Sexueller Missbrauch. Auch in Polen haben Funktionäre bis zu den Erzbischöfen Missbrauch geduldet oder vertuscht.

Ein bekannter Fall ist der des Priesters Michał M. aus dem südpolnischen Dorf Tylawa, der mindestens sechs Mädchen missbrauchte, doch nur zu einer kurzen Bewährungsstrafe verurteilt wurde. M.'s Verbrechen wurden sowohl vom Staatsanwalt Stanislaw Piotrowicz verharmlost, er ist heute Chef des Justizausschusses im polnischen Sejm, wie von Erzbischof Józef Michalik, er war von 2004 bis 2014 Vorsitzender der polnischen Bischofskonferenz.

Verbrechen wurden von der Staatsanwaltschaft wie von einigen Bischöfen verharmlost

In Westpolen trennte der Priester Roman B. im Jahr 2009 die damals 13 Jahre alte Katarzyna von ihren überforderten Eltern, hielt das Mädchen mit Wissen anderer Geistlicher in seiner Gewalt und vergewaltigte es über Monate. B. blieb nach einer kurzen Gefängnisstrafe im Priesteramt, las bald wieder Messen und pflegte auch wieder Kontakt zu Jugendlichen. Erst als die Gazeta Wyborcza den Skandal aufdeckte, reagierte Posens Erzbischof Stanisław Gądecki, Vize-Chef der polnischen Bischofskonferenz.

Der holländische Autor Ekke Overbeek schrieb 2013 über die Größenordnung des Missbrauchs in Polens katholischer Kirche. Trotzdem waren diese Verbrechen dort nie Gegenstand einer umfassenden nationalen Debatte - oder Thema eines Spielfilms. Regisseur Smarzowski, ein bekennender Atheist und einer der bekanntesten Filmemacher Polens, stimmte Drehbuch und Dreharbeiten mit dem katholischen Ex-Priester Piotrek Szelag ab. Traditionelle Finanziers polnischer Filme verweigerten Kredite aus Angst vor der Kirche und der Regierung.

So kratzte Smarzowski ein Zwei-Millionen-Euro-Minibudget bei noch unabhängigen regionalen Förderfonds in Krakau und bei Finanzinvestoren zusammen. Statt in polnischen drehte Smarzowski in tschechischen Kirchen.

Ein Grund für den Erfolg von "Klerus" sind seine Akteure: Robert Więckiewicz, Jacek Braciak, Arkadiusz Jakubik, Janusz Gajos und Joanna Kulig gehören zu Polens berühmtesten Schauspielern - sie brillieren auch hier.

"Klerus" wurde auf Polens wichtigstem Filmfestival in Gdynia mit einem Sonderpreis gefeiert. Das Staatsfernsehen zensierte die Übertragung der Preisverleihung, die Abendnachrichten "Wiadomosci" sahen einen "Angriff auf die Kirche" und einen "Zivilisationskrieg". Das PiS-Parteimagazin Gazeta Polska warnte vor "Feinden Polens", die neben "islamischen Horden" einen "Aufstand der Polen gegen die Priester" planten. Die Parlamentarierin Krystyna Pawłowicz schimpfte, die Filmemacher litten an "Hass auf ihr Vaterland". Ihre Parteikollegin Anna Sobecka überlegte, Kinos die Ausstrahlung per Parlamentsbeschluss zu verbieten; der katholische Journalistenverband rief zum Boykott auf.

Die Folge: Die Polen strömen wie nie zuvor in ihre Kinos. Polens Bischöfe wollen nun einen eigenen Bericht zum Thema Missbrauch vorlegen.