Kino:"Ich darf die Zukunft evaluieren"

FFM; Christoph Gröner

Unterstützt die Chefin Diana Iljine in einer neuen Funktion: der 41-jährige Christoph Gröner.

(Foto: Bernhard Schmidt/Filmfest)

Christoph Gröner, seit Kurzem künstlerischer Leiter des Filmfests München, nimmt sich für die nächsten Jahre viel vor

Von Josef Grübl

Die Woche hat für Christoph Gröner gut angefangen: Am Montag bestätigte das Filmfest, dass der Kulturjournalist und Leiter der Filmfest-Reihe "Neues Deutsches Kino" zum künstlerischen Leiter des Festivals ernannt worden ist. Am Dienstag begann die Filmwoche, bei der die Verleihfirmen ihre Programm-Höhepunkte des kommenden Jahres präsentieren. Für den Filmfest-Mann beginnt mit diesen vor allem für Kinobetreiber gedachten, oft etwas marktschreierischen Leistungsschauen offiziell das Kinojahr; man bekomme einen sehr guten Überblick, sagt er; außerdem seien sie ein Gradmesser dafür, wie die Verleihbranche gerade ticke.

Es ist gar nicht so einfach, den Münchner in diesen Tagen ans Telefon zu bekommen; ständig sind irgendwelche Screenings angesetzt, zusätzlich findet die jährliche Werkschau der HFF statt. Dort präsentiert der studierende Filmnachwuchs seine Werke, dort schaut sich Gröner auch nach potenziellen Kandidaten für die nächste Filmfest-Ausgabe im Sommer um (27. Juni bis 6. Juli). Er befinde sich derzeit mitten im Auswahlprozess, sagt er und erwähnt die vielen Termine in Schneideräumen, bei denen ihm filmische Rohfassungen gezeigt werden. In Zukunft kommen noch viele weitere Treffen mit Filmemachern aus dem In- und Ausland dazu: Das Filmfest München soll sich weiterentwickeln und für neue Formen des audiovisuellen Erzählens öffnen, für Games, Virtual Reality oder Webserien etwa; dafür soll Gröner als Ansprechpartner fungieren.

Er darf sich zukünftig also künstlerischer Leiter nennen - diese Jobbeschreibung ist übrigens derzeit nicht nur beim Filmfest beliebt: Im Haus der Kunst wurde gerade ein Expertenrat für die künstlerische Neuausrichtung der Institution berufen, Rolando Villazón darf die Mozartwoche Salzburg leiten. Auch bei der Berlinale, nach wie vor das größte und bedeutendste Filmfestival des Landes, stehen Veränderungen an: Festival-Chef Dieter Kosslick geht; seine Aufgaben übernehmen bald der Italiener Carlo Chatrian als künstlerischer Direktor und die Niederländerin Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin.

Will sich das Filmfest auch mit einer Doppelspitze auf der dicht gefüllten Festivallandkarte positionieren? Da widerspricht Gröner: "Nein, ich berichte weiterhin an die Direktorin, Diana Iljine ist ganz klar die Nummer eins." Aber auch als Nummer zwei hat der 41-Jährige viel Gestaltungsspielraum: "Ich darf die Zukunft evaluieren", sagt er und verweist auf die Schlagworte Streaming, Algorithmen und Gamification, die das Filmfest in den kommenden Ausgaben prägen sollen. Das sei ein Prozess, man denke auch bereits an die Jahre 2020 und 2021. Neben seiner Filmfesttätigkeit will er weiterhin das Zürich Film Festival beraten und für das "Black Nights Film Festival" in Tallinn tätig sein. Er sieht das als Bereicherung: "Gerade die Esten sind digital sehr weit vorne, da kann man die Netzwerke weiter ausbauen."

Als Netzwerker ist der verheiratete Vater von zwei Kindern schon seit Jahren unterwegs, er studierte Kommunikationswissenschaft, Psychologie und Medienrecht an der LMU; im Anschluss daran absolvierte er ein zweijähriges Aufbaustudium der Film-, Fernseh- und Theaterkritik an der HFF. Zum Filmfest kam er während seines Studiums, anfangs als Praktikant, später schrieb er am Filmfest-Magazin mit und führte Bühnengespräche mit Regisseuren oder Schauspielern. Seit 2008 gehört er zum internationalen Kuratoren-Team des Festivals, vier Jahre später übernahm er die Reihe "Neues deutsches Kino".

Und auch wenn es in Zukunft noch mehr um Querverbindungen zwischen Filmen, Serien oder Games gehen wird, versichert er am Ende des Gesprächs: "Das Kino ist unsere DNA."

© SZ vom 25.01.2019
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