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Kino:Die Harte und die Zarte

Film "Sweethearts" mit Karoline Herfurth

Spaß haben im Fluchtfahrzeug, das können nicht nur Männer: "Sweethearts" von und mit Karoline Herfurth und Hannah Herzsprung als Co-Star.

Wie soll man als Kriminelle schon wissen, wen man sich da als Geisel von der Straße holt? Mel (Hannah Herzsprung) hat gerade einen Juwelier überfallen und ein Collier für 500 000 Euro erbeutet, alles minutiös durchgeplant und cool ausgeführt. Doch dann folgt ihr einer der Sicherheitsbeamten mit gezogener Waffe nach draußen, sie muss improvisieren und packt kurzerhand die ein wenig hilflos staunende junge Passantin mit den roten Haaren und dem adretten Businesskostüm.

Franny (Karoline Herfurth) ist eine Büroangestellte mit konstanten Angstzuständen und Panikattacken. Selbst eine klemmende Toilettentür reicht aus, um sie in ein hilfloses Nervenbündel zu verwandeln. Nicht auszudenken, was passiert, wenn sie mit vorgehaltener Knarre dazu gezwungen wird, ein Fluchtauto zu fahren. Während Franny wie wild gestikuliert und zappelt, sprudelnd quatscht und hysterisch schreit, gibt sich Mel wortkarg und emotionslos. Wunderbare Gegensätze sind das, um auf der Flucht vor Cops und Gangstern im metallicblauen Honda Prelude im schönsten Modus des Buddy Movies die Reibungsfunken fliegen zu lassen, wie sonst nur unter Männern.

Die beiden Frauen beginnen als Feindinnen, entwickeln sich aber bald zu Komplizinnen, zu Sweethearts. Wenn Mel ihre Geisel dann zum ersten Mal inbrünstig singen und tanzen sieht, zu "I want to know what love is" von Foreigner, ist es endgültig um sie geschehen, zum ersten Mal lösen sich ihre harten Züge zum Lachen. In dieser Annäherung steckt so viel Herzenswärme und Komik, dass man auch als Zuschauer nicht anders kann, als die Figuren ins Herz zu schließen.

Und das gilt für alle: Die unnachgiebig raue Kommissarin (Anneke Kim Sarnau), die ihren etwas tollpatschigen Partner Timmsen (Frederic Linkemann) so genervt herunterputzt, wie es sonst immer die Männer mit den Frauen tun. Nur dass man auch Timmsen irgendwann liebt, für seine linkischen Gesten und seine rührende Hilflosigkeit, weil er dann eben doch im richtigen Moment die entscheidenden Ideen und überhaupt das Herz am richtigen Fleck hat. Ebenso wie den kleinen Gangsterboss, der aus einer Autowerkstatt heraus arbeitet (Uwe Preuß) und Frannys Chefin (Cordula Stratmann), die im Rosenkostüm Kalendersprüche in Lebensweisheiten verwandelt. Schließlich der Streifenpolizist (Frederick Lau), der eigentlich Soko-Ermittler ist, in seiner Uniform immer wieder für einen Stripper gehalten wird und das Duett zum Trio erweitert, die Actionkomödie zur Romanze.

Hinreißend, wie Monika Fäßler als Drehbuchautorin und Karoline Herfurth als Regisseurin kleine Momente zu Running Gags ausbauen, wie sie sich langsam vom Schmunzeln zum Lachen steigern. Allein das ist schon ein Geschenk für den deutschen Film, der an den Kinokassen sonst von den spätpubertären Schweiger-Schweighöfer-Albernheiten dominiert wird. Aus den Komödien, in denen Karoline Herfurth gespielt hat, von "Mädchen, Mädchen" bis "Fack ju Göthe", bringt sie ein feines Gespür für Timing und Rhythmus mit, aber auch die Fähigkeit zu einer ausgreifenden Körperkomik.

Auf ihrem Abenteuertrip durch Berlin und das Umland wird die Welt zur Kulisse, in der Topografie keine Rolle spielt. Nachdem Karoline Herfurth die Hauptstadt in ihrem Vorgängerfilm "SMS für Dich" ein bisschen wie Paris aussehen ließ, verpasst sie Berlin jetzt zusammen mit Szenenbildner Christian M. Goldbeck und Kameramann Daniel Gottschalk eine Art L.A.-Kick. Eine Autowerkstatt, abgewirtschaftete Industrieanlagen, Diners und Motels werden stimmungsvoll hochgetunt, mit Licht und ein bisschen Farbe. Ein pinkfarbener Neonschriftzug und ein an die Vorderfront genageltes Holzbrett mit Palmenmotiv reichen, um ein schlichtes Flachdachgebäude in ein schäbig-schönes Motel zu verwandeln. In den Pfützen auf der regennassen Straße spiegeln sich die Straßenlaternen und das türkis- und rosafarbene Licht, das durch die Vorhänge sickert, verleiht der Wirklichkeit Kinomagie. In Schwingung versetzt wird die Geschichte dann noch von einem Soundtrack, in dem sich alte Gassenhauer mit neuesten Songs von Billie Eilish abwechseln.

Franny ist nicht zu halten, wo sie geht und steht oder festgebunden ist, sorgt sie für Aufruhr und Ablenkungen. Angst und Panik verleihen ihr übermenschliche Kräfte, mit denen sie den Kofferraumdeckel von innen sprengt und Augenbinden an der Kopfstütze des Autos herunterrubbelt. Überall, wo sie mal ein paar Minuten warten und vor allem mit niemandem reden soll, während Mel ihre Geschäfte abwickelt, zieht sie das Unheil auf sich. Gleichzeitig wächst sie aber auch an den Herausforderungen, entwickelt immer mehr Selbstbewusstsein und Aktionsbereitschaft, die dann durch die Liebe noch zusätzlich befeuert werden. So schlägt im Kern dieser ausgelassenen Abenteuerkomödie ein sehr gefühlvolles, aber nie sentimentales Herz.

Sweethearts, D 2019 - Regie: Karoline Herfurth. Buch: Monika Fäßler, Herfurth. Kamera: Daniel Gottschalk. Schnitt: Simon Gstöttmayr. Mit: Herfurth, Hannah Herzsprung, Frederick Lau, Anneke Kim Sarnau. Verleih Warner. 107 Minuten