Kino Der falsche Hintern war Prince zu viel

Iris Berben, die Präsidentin der Deutschen Filmakademie, und ihr Gast Jean-Paul Gaultier.

(Foto: Nicole Kubelka/face to face)

Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier war bei der Filmakademie in Berlin zu Gast - zu einem Werkstattgespräch.

Von Anke Sterneborg

Der Architekt David Chipperfield war schon da, die Sängerin Judith Holofernes, sogar Kanzlerin Angela Merkel: Seit einigen Jahren stiftet die Deutsche Filmakademie in der Veranstaltungsreihe "Mein Film" berühmte Persönlichkeiten dazu an, einen Film vorstellen, der sie besonders berührt, inspiriert oder geprägt hat.

Als zehnter Gast der Reihe war am Freitag der Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier eingeladen, der in Berlin gerade auch mit seinen Kostümen für die Revue-Show "The One" im Friedrichstadt-Palast präsent ist. Und da er sich "Das fünfte Element" von Luc Besson wünschte, für den er selbst vor knapp zwanzig Jahren die Kostüme schuf, nahm der Abend im Berliner Astor-Lounge-Kino zum ersten Mal Züge eines Werkstattgesprächs an.

Als Gaultier einst Fassbinders "Querelle" sah, war seine Liebe zum Matrosenanzug entfacht

So sprühend und exaltiert wie seine Entwürfe zeigte sich der Mode-Maestro auch in Persona auf der Bühne. In sprudelndem Englisch mit stark französischem Akzent ließ er sich von Erinnerungen und Anekdoten mitreißen, zum Beispiel, wenn er von einem folgenschweren Missverständnis bei seiner Begegnung mit Prince erzählt. In der ursprünglichen Besetzung des "Fünften Elements", für die auch Julia Roberts und Mel Gibson vorgesehen waren, sollte der einen outrierten Fernseh-Conférencier spielen. Gaultier hatte dem gerade in Paris gastierenden Popstar von seinen Vorstellungen erzählt, von Netz-Body, Panther-Trikot und Rosenkragen, unter anderem wollte er ihm auch einen ausgestopften, falschen Hintern verpassen, einen faux cul im Modestil des vergangenen Jahrhunderts. Das Pop-Idol bekam es regelrecht mit der Angst zu tun, weil ihm das alles zu feminin und schwul vorkam. Chris Tucker machte die Figur in der finalen Besetzung dann zur unverhohlenen Prince-Parodie. Jean-Paul Gaultier ist an diesem Abend ein Selbstläufer, die Fragen des Schauspielers Christian Berkel sind da kaum mehr sein als Stichworte: Was ihm mehr liege, die ausschweifende Fantasie oder der realistische Alltag? Als Zuschauer möge er eher die leisen, realen Geschichten und psychologische Figuren, während er als Kostümbildner das überbordende Spektakel bevorzuge. Wie geht man an die Kreation der Zukunft heran? Schwierig, weil sich das, was heute getragen wird, aus den sozialen und ökonomischen Entwicklungen ergibt. Ob er die Begegnung mit dem Schauspieler brauche, für seine Entwürfe? Unbedingt, das sei immer ein Balanceakt zwischen der eigenen Fantasie, den Ideen des Regisseurs und den Wünschen der Schauspieler.

Das schlichte Understatement hat Jean-Paul Gaultier nie interessiert, stattdessen zelebrierte er immer die "maßlose Übertreibung". Mode als Spektakel und Inszenierung, im Leben ebenso wie auf dem Laufsteg und folgerichtig auch im Kino, wo ihm Luc Bessons Zukunftsvision nahezu grenzenlose Freiheiten eröffnete. Zuvor hatte er seine Modefantasien bereits in den filmischen Dienst von Peter Greenaway und Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet gestellt. Doch erst mit "Das fünfte Element" kommt es zur kongenialen Verbindung zwischen Gaultier-Stil und Kinovision. En passant wird der Film da auch zur Werkschau des Couturiers. Alle bekannten Motive flackern auf, die ausladenden Krägen, die steifen Bustiers, die Anleihen bei den Seemanns-Uniformen, die aufgepolsterten Körperrundungen, die Lust an leuchtenden Farben und exzentrischen Haar-Skulpturen.

Während er auf dem Laufsteg der alleinbestimmende Regisseur sei, genieße er im Kino die Zusammenarbeit, die Wechselwirkung mit den Ideen des Regisseurs und der Schauspieler. Auch wenn es auf den ersten Blick anders aussehen mag, interpretiere er doch mit Bedacht die Vorgaben der Story. Beim "fünften Element" heißt das etwa, dass er Mila Jovovich in Anlehnung an die Ursprünge der Geschichte im alten Ägypten wie eine "moderne Mumie" anzog, die 5000 Jahre alte Einbalsamierungskunst mit den geometrischen Streifen und Bändern im Sixties-Stil kreuzte. Und wer so genau schaut wie Christian Berkel, entdeckt auch die feinen Korrespondenzen zwischen den Outfits, in denen sich die Liebesgeschichte bereits andeutet.

Das Kino prägte Gaultier von Anfang an, schon die allererste Berührung mit dem künftigen Beruf verdankte er ihm, als er als Junge im Fernsehen Jacques Beckers "Falbalas" sah, die Geschichte eines Modeschöpfers. Das Licht und die Atmosphäre, das hektische Treiben in den Ateliers und die große Show auf dem Laufsteg bezauberten ihn so sehr, dass er auch in diese Welt eintauchen wollte. Nur dass der Held am Ende Selbstmord beging, das wäre nichts für den lebensprühenden Gaultier. Später ließ er sich dann immer wieder vom Kino inspirieren, von Scorseses frühen Mafia-Filmen, von "Bonnie and Clyde", von Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" und ganz besonders von Fassbinders "Querelle" mit den Tattoos und den Matrosenanzügen, die zu seinem Markenzeichen geworden sind. Allesamt glamouröse Filme, wie Christian Berkel anmerkt, aber Gaultier findet Schönheit auch in ganz einfachen Dingen wie einer Konservenbüchse, die auf dem Haute-Couture-Laufsteg zum Armreif wird. Und was Besson betrifft: In der Wirklichkeit habe der ja nicht so einen guten Geschmack, aber als Kinoregisseur, beim Drehen wisse er ganz genau, was er wolle: "Das Kino macht alles magisch."