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Kinderschicksal:Von der Rute zum überwachten Handy

Im Rückblick auf "Das eigensinnige Kind" der Brüder Grimm entdeckt Wolfram Ette eine Schlüsselfigur der modernen Welt.

Unter den vielen grausamen Geschichten, die Jacob und Wilhelm Grimm in ihren "Kinder- und Hausmärchen" erzählen, ist das vom "eigensinnigen Kind" die kürzeste und schlimmste Erzählung. Sie berichtet von einem Kind, das sich weigerte, seiner Mutter zu gehorchen. So groß müssen kindliche Unvernunft oder kindliches Aufbegehren gewesen sein, dass ein bloßes Brechen des Willens nicht ausreichte. Das Kund musste sterben. Doch aus dem Boden wuchsen seine Gliedmaßen immer wieder neu hervor: "Da musste die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde."

Auch Michel aus Lönneberga mit seinen bösen Streichen gehört zu den eigensinnigen Kindern

Zu einer modernen Pädagogik passt diese Geschichte von einem früh verlorenen Leben nicht mehr. Nicht nur, weil sie zu grausam ist, nicht nur, weil darin die körperliche Züchtigung eines Kindes als Selbstverständlichkeit behandelt wird, sondern vor allem, weil der Eigensinn heute nicht mehr als ein Verhalten erschiene, das bestraft werden müsse oder auch nur bestraft werden dürfe. In der Überzeugung, dass kindlicher Eigensinn bestraft gehört, liegt das eigentlich Vormoderne dieses Märchens.

Dem "eigensinnigen Kind" widmet der Münchner Literaturwissenschaftler Wolfram Ette einen Essay, in dem er dieses scheinbar unsoziale Wesen zu einer Schlüsselfigur für das bessere Verständnis einer bürgerlichen Gesellschaft macht, die mit einem partikularen, aber letztlich sinnlosen Widerstand wenig anfangen kann. Eigensinn sei "Freiheit, welche noch innerhalb der Knechtschaft" stehenbleibe, hatte Hegel in der "Phänomenologie" geschrieben. Eigensinn entsteht, wo Wille und Vernunft noch nicht zusammengefunden haben und der Wille in seiner Ohnmacht heulend und kreischend auf dem Boden liegt und mit den Fäusten auf den Teppich einschlägt. Wolfram Ette übersetzt, der Eigensinn rege sich nur dort, "wo Unterdrückung im Prinzip akzeptiert wird, aber so beschaffen ist, dass sie Regungen der Freiheit zulässt".

Ein eigensinniges Kind ist Konrad, die Figur aus dem "Struwwelpeter", die nicht am Daumen lutschen darf, ihn aber in einem vermeintlich unbeobachteten Moment doch in den Mund steckt. Woraufhin der Schneider mit der Schere gesprungen kommt, und "wupp" ist der Daumen abgeschnitten. Ein eigensinniges Kind ist auch Michel aus Lönneberga, der nach jedem bösen Streich, den er verübt, im Schuppen eingesperrt wird, wo er dann Holzfiguren schnitzt. Gemein ist all diesen eigensinnigen Kindern, dass sie sich in vertragsähnlichen Verhältnissen bewegen: "Wenn ..., dann ..." lautet die Regel. Meistens kommt sie zur Anwendung. Manchmal wirkt die Drohung, und die Strafe bleibt folglich aus. Gelegentlich lässt sich der Regel sogar ausweichen, denn keine Autorität lässt sich vollständig und überall behaupten.

An die Stelle der Strafe ist in den allmählich modern werdenden Gesellschaften, wie der Philosoph Michel Foucault in den Siebzigerjahren erklärte, die Kontrolle getreten. Dadurch verringerte sich das Maß an offener Gewalt, an Quälerei und Missbrauch, denen Kinder ausgesetzt waren. Ob sich mit diesem Wandel ein Gewinn an Freiheit verbindet, ist allerdings höchst unsicher. Denn vor der Strafe kann man, wenn man Gelegenheit und Glück hat, davonlaufen. Sich einer umfassenden Kontrolle zu entziehen, ist ungleich schwieriger, zumal, wenn die Erwachsenen, wie es gegenwärtig geschieht, immer weiter in die Welt der Kinder einziehen - wenn sie sich mit denselben Spielen beschäftigen, die selben Kommunikationskanäle benutzen, dieselbe Sprache sprechen.

Wenn dann, im Gefolge der Begeisterung für eine Kinderbuchgestalt wie Pippi Langstrumpf, der ursprünglich kindliche Eigensinn zu einem Wert an sich wird, und zwar nicht nur für Kinder, sondern für die gesamte Gesellschaft, ist ihm, wie Wolfram Ette erklärt, die Spitze gebrochen: "Er wird gefeiert, damit aber hört er auf, noch Eigensinn zu sein." Stattdessen schlägt er sich in unübersehbar vielen Versuchen nieder, dem Weltenlauf etwas garantiert Eigenes und Unverwechselbares abzugewinnen, bis hin zur Selbstzerstörung.

Die Kontrolle des Nachwuchses wird immer weitergetrieben - und das Kind zugleich vergöttert

Ette entwickelt seinen Grundgedanken in viele Richtungen. Shakespeares Hamlet erscheint darin ebenso als eigensinnniges Kind wie Büchners Woyzeck, und auch auf die Frage, wohin sich der Eigensinn richtet, wenn das kleine Wesen Tag und Nacht überwacht wird, findet sich eine Antwort: Sie geht ins Internet, in den einzig verbliebenen Bereich, in dem zumindest die meisten Eltern ihren allmählich größer werdenden Kindern nicht folgen können, was schon an der mangelnden Vertrautheit mit den Geräten und Programmen liegt. Erinnert sich noch jemand daran, welche Errungenschaft ein eigenes Zimmer für ein Kind darstellte? Und wie viele Eltern lassen sich heute von den Mobiltelefonen ihrer Sprösslinge über deren jeweilige Aufenthaltsorte informieren?

Zu den Aporien einer bürgerlichen Gesellschaft gehört der scheinbare Widerspruch, die Überwachung des Nachwuchses immer weiter voranzutreiben, während das Kind zugleich vergöttert wird, als Gegenstand und Ziel einer regressiven Befreiungsfantasie, die in der vermeintlichen Unschuld des Kindes immer auch den besseren Menschen erkennen will. Wer Wolfram Ettes Essay aufmerksam liest, wird nicht mehr glauben, dass eine solche Fantasie irgendetwas mit einer tatsächlichen Befreiung zu tun haben könnte.

Wolfram Ette: Das eigensinnige Kind. Über unterdrückten Widerstand und die Formen ungelebten Lebens. Ein gesellschaftspolitischer Essay. Büchner-Verlag, Marburg 2019. 124 Seiten, 16 Euro.