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Kinderbuch:Ein Rettungsring im Mittelmeer

In diesem Jugendbuch erleben zwei Flüchtlingskinder eine Odyssee. Zwar zieht eine Hamburger Familie sie beim Segeln aus dem Wasser - doch dann will keiner der Anrainerstaaten sie aufnehmen.

Von Regina Riepe

"Das ist der langweiligste Urlaub aller Zeiten!" Oscar hat schon nach ein paar Tagen die Nase voll. Wäre er doch lieber mit seinen Freunden ins Fußballcamp gefahren, statt mit den Eltern vier Wochen lang auf einem Segelschiff durchs Mittelmeer zu kreuzen. Doch dann ändert sich alles von einem Moment auf den anderen. Mit an Bord ist ihr Hund Lucy,als der plötzlich aufgeregt bellt, entdecken sie mitten im Meer einen Rettungsring, an den sich zwei Kinder klammern. Ein Mädchen in Oscars Alter und ein kleiner Junge und beide sind kurz vor dem Ertrinken. In einer dramatischen Rettungsaktion holen sie die beiden an Bord. Was nun? Ohne nachzudenken helfen Oscars Eltern den beiden und steuern den nächsten Hafen an. Offensichtlich haben sie Flüchtlingskinder gerettet, Nala und ihren kleinen Bruder Moh. Es wird schon jemanden geben, der sich im nächsten Hafen um sie kümmert. Und dann kann der Urlaub ja weitergehen.

Eine Illusion. Niemand fühlt sich für die geretteten Kinder zuständig. Mal freundlich, mal mit der Androhung von Polizei wird die Familie von Kreta nach Griechenland, von Italien nach Sizilien weitergeschickt. "Wir haben schon genug Flüchtlinge hier", heißt es überall. Während sich Oscars Eltern aufrichtig bemühen, eine Lösung zu finden, freunden sich die Kinder an. Die Geschwister kommen aus dem Kongo, ihr Vater ist auf der Flucht gestorben. Nala kann sich Tag für Tag besser verständlich machen. Moh dagegen ist schweigsam, widerborstig, kann sich nicht einfinden. Nach ein paar Tagen kann sich Oscar nicht mehr vorstellen, die beiden irgendwo in einem Flüchtlingslager abzusetzen. Aber mitnehmen geht doch auch nicht - oder doch? Dramatische Zeiten stehen bevor. Nala und Moh verschwinden, mitten in Palermo. Oscar und seine Eltern suchen sie verzweifelt. Oscar kämpft sich bis zum Bürgermeister vor, um Hilfe zu finden. Sie können doch nicht einfach wegfahren, ohne zu wissen, was passiert ist, ohne die beiden in Sicherheit zu wissen! Und das ist nicht das letzte Abenteuer, das Oscar, Nala und Moh auf dieser Odyssee erleben. Einfühlsam erzählt die Autorin die Geschichte aus der Sicht der drei so unterschiedlichen Kinder und macht auch den Zwiespalt der Eltern deutlich. Kann es überhaupt eine Lösung geben?

Erwachsene sehen bei dieser Problematik vielleicht das Lager Moria vor sich, denken an Menschenhandel oder ertrunkene Kinder am Strand des Mittelmeeres. Das ist die entsetzliche Realität in Europa. Doch muss ein Kinderbuch so enden? Junge Leser haben das Recht auf eine optimistische Lösung, in der Menschlichkeit und Solidarität siegen, die ihnen auch Mut für die Zukunft macht, anders zu handeln als die Erwachsenen. Sie würden wie Oscar alles tun, damit Nala und Moh ein sicheres Leben haben.

Im Buch wagt die Familie eine illegale Aktion und nimmt die beiden Flüchtlingskinder mit zu sich nach Hamburg. Am Ende wird alles gut - und das ist in einem Kinderbuch vollkommen in Ordnung. (ab 10 Jahre)

Cornelia Franz: Calypsos Irrfahrt. Carlsen Verlag, Hamburg 2021. 144 Seiten, 12 Euro. (ausgezeichnet mit dem Hamburger Literaturpreis)

© SZ vom 09.04.2021
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