Junge Kritikerin:Wir müssen wir selbst sein

Die Wahl der Jury des katholischen Kinderbuchpreises für "Papierklavier" von Elisabeth Steinkellner und die Auseinandersetzung mit den Bischöfen.

Von Josephina Neumaier

Elisabeth Steinkellers Buch "Papierklavier" hat das Format eines Skizzenheftes. Es gehört Maia, einer 16-jährigen Schülerin. Sie hat zwei jüngere Halbschwestern: Ruth, das anstrengende Sandwichkind, und Heidi, die begabt am Klavier ist. Ihre Mutter ist alleinerziehend und arbeitet ganztags. Eigentlich gab es noch Sieglinde, die großmütterliche Nachbarin. Diese griff der Familie unter die Arme und brachte Heidi an ihrem alten Flügel, dem "Zebra", das Klavierspielen bei. Mit ihrem überraschenden Tod fällt eine wichtige Stütze. Heidi bastelt sich ein Papierklavier, weil weder Platz für ein Klavier noch Geld für Unterricht übrig ist. Als Maia das sieht, beschließt sie, eine weitere Schicht in ihrem Teilzeitjob einzulegen, sie arbeitet in einer Smoothiebar. Die Pubertät steht sie mit ihren besten Freundinnen durch, eine von ihnen ist Klara, die eigentlich Engelbert Krahvogel heißt und als Junge geboren wurde. Die Jugendlichen halten bei Tiefs und Hochs zusammen. Deswegen ermutigt Maias Geschichte.

Dieses Buch hätte jeden Preis verdient, besonders einen christlichen.

Dieses Buch wurde von einer Jury für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis vorgeschlagen, vielleicht auch weil Anna Gusella es hintersinnig illustriert hat. Aber die deutsche Bischofskonferenz, die den Preis letztendlich vergibt, lehnte die Auswahl der Jury ab. Die Begründung war, dass in "Papierklavier" eine christliche Lebenshaltung fehle. Nun fragt man sich: Was ist christlich? Es wird in dem Buch zwar nicht vom Glauben gesprochen, doch es vermittelt Nächstenliebe. Die Hauptpersonen kümmern sich vorbildlich um einander.

Das Buch hätte jeden Preis verdient, gerade einen christlichen.

Wir lernen im katholischen Religionsunterricht viel über die Menschheit, woran sie glaubt, welche Werte sie hat. Uns werden verschiedene Sichtweisen dargelegt und wir lernen zu hinterfragen. Im Alten Testament steht, dass Männer nicht mit Männern schlafen dürfen. Im Neuen Testament verkündet Jesus Nächstenliebe und umgibt sich mit Menschen, die wegen des Alten Testaments von der Gesellschaft verstoßen wurden. Uns wurde beigebracht, wir müssten keine Angst davor haben, wir selbst zu sein, denn Gott liebe uns. Wenn aber deutsche Bischöfe beschließen, ein Buch wie "Papierklavier", welches vor Nächstenliebe sprüht und Mut zur Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit gibt, nicht zum Kinder- und Jugendbuchpreis nominieren will, fühlt man sich fallen gelassen von der Institution Kirche. Josephina Neumaier, (16)

Elisabeth Steinkellner: Papierklavier. Mit Illustrationen von Anna Gusella. Beltz & Gelberg 2020. 140 Seiten, 14,95 Euro.

© SZ/Roswitha Budeus-Budde/bud
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB