Katalonien Spanische Eröffnung

Akt vorauseilenden Gehorsams: Kurz bevor die Messe für Moderne Kunst in Madrid eröffnet wurde, mussten 24 verpixelte Fotos der Serie "Politische Gefangene in Spanien" entfernt werden.

(Foto: Gabriel Bouys/AFP)

Warum eine Galerie in Madrid Fotos des Künstlers Santiago Serra von katalanischen Gefangenen nicht zeigen darf.

Von Thomas Urban

Es war ein Akt vorauseilenden Gehorsams: Die Direktion der Madrider Messe (Ifema) drängte kurz vor der Eröffnung der Messe für Moderne Kunst (Arco) eine Galerie, ein Kunstwerk von ihrem Stand zu entfernen. Es handelt sich um 24 verpixelte Fotos in einer Serie mit dem Titel "Politische Gefangene in Spanien". Darunter standen die Namen der real existierenden Personen, unter ihnen Oriol Junqueras, Jordi Sànchez und Jordi Cuixart, drei führende Aktivisten der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, die sich seit fast vier Monaten in Untersuchungshaft befinden.

Die Madrider Galeristin Helga de Alvear beugte sich dem Druck, was sie am nächsten Tag bedauerte. Der Künstler Santiago Sierra sprach von einem beispiellosen "Akt der Zensur". Bislang galt die Kunstmesse als eines der Symbole für die gelungene Demokratisierung des Landes nach den Repressionen der Franco-Diktatur. Ein Sprecher der Ifema räumte nach einem Proteststurm in den Medien kleinlaut ein, man habe "Polemiken vermeiden" wollen. Erreicht wurde das Gegenteil.

Zwar beeilte sich Bildungs- und Kulturminister Íñigo Méndez de Vigo zu versichern: "Die Regierung hat damit nichts zu tun." Doch im Aufsichtsrat der Ifema dominieren die regierenden Konservativen, und es steht außer Zweifel, dass die Fotogalerie Sierras sich gegen die spanische Regierung richtet. Denn ihre erfolglose Katalonien-Politik setzte bislang darauf, dass die - von der Regierung keineswegs unabhängige - Justiz katalanische Aktivisten mit ruinösen Geldstrafen belegt oder als "Rebellen" einsperrt. Selbst spanische Rechtsprofessoren, die mit der Sezession Kataloniens nichts im Sinn haben, verurteilen die Untersuchungshaft wegen angeblicher "Rebellion" als Rechtsbruch. Denn dieser Tatbestand setze Aufrufe zur Gewalt voraus, die es aber nicht gegeben habe.

Santiago Sierra ist nicht nur in Spanien, sondern in Deutschland wegen provokanter Aktionen bekannt geworden: Sein "Haus im Schlamm" (2005) in Hannover sollte an das Schicksal der beim Torfstechen zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter im Dritten Reich erinnern. Bei seinem Projekt "245 Kubikmeter" wurden in die Synagoge von Stommeln bei Köln Autoabgase eingeleitet; es wurde allerdings nach Protesten des Zentralrats der Juden, der von "Verhöhnung der Opfer" sprach, abgebrochen.

In Madrid hat Sierra nun die Direktoren der wichtigsten Museen und Galerien Spaniens auf seiner Seite, auch die linken Oppositionsparteien. Die linksalternative Madrider Oberbürgermeisterin Manuela Carmena nahm aus Protest gegen diesen "Angriff auf die Freiheit der Kunst" nicht an der Eröffnung der Arco teil. Dafür kam Ex-König Juan Carlos. Die Galerie vermeldete nun, dass sie das Kunstwerk für 80 000 Euro verkauft habe. Der Käufer ist ein katalanischer Medienunternehmer, er will die Fotoserie rasch öffentlich ausstellen.