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Karl May und seine Fans:Willkommen und Abwehr

Karl May von 1907

Schriftsteller und Community-Manager: Karl May im Jahr 1907.

(Foto: Erwin Raupp)

Moderator seines Ruhms: Als Briefschreiber widmete sich Karl May ausführlich seinen Fans.

Von Harald Eggebrecht

Will man die Wirkung Karl Mays auf seine Leser zu Lebzeiten und auch später beschreiben, muss man zwangläufig von Fan-Kultur sprechen. Davon geben unter anderem die zahllosen Briefe eindrucksvoll Bescheid, die an den sächsischen Phantasten gerichtet wurden mit Autogrammwünschen und der Hoffnung auf Antwort. Umgekehrt führte May neben dem Briefwechsel auch ein Album mit Fotos seiner Leser und ein Gästebuch in seiner "Villa Shatterhand" in Radebeul. All das geprägt vom Hunger nach Anerkennung, Wertschätzung, ja, Liebe seiner Verehrer und Anhängerinnen.

Das geschah auch noch, als er öffentlich als Lügner, Pornograph, gar Verbrecher beschimpft und zum Opfer einer Medienkampagne wurde, die für damalige Verhältnisse schon einigermaßen monströs genannt werden muss. Dass May selbst, man muss sagen, geradezu mit Fleiß auf diese Enthüllungs- und Diffamierungskatastrophe zusteuerte mit immer gewagteren und unwahrscheinlicheren Rodomontaden, ist unleugbar. Dazu trugen seine Fotos von sich im Heldenkostüm als Old Shatterhand und als Kara Ben Nemsi ebenso bei wie die reale Herstellung der Fantasiewaffen Silberbüchse, Henrystutzen und Bärentöter.

Im Bamberger Karl-May-Verlag ist ein gut 600 Seiten starker Band erschienen, der den Briefwechsel mit seinen "Kindern", so hat er sie selbst genannt, dokumentiert mit allen Qualitäten einer wissenschaftlich betreuten Ausgabe. Die fünf Fans, deren Briefe an May und bald an seine Frau Klara dieses Buch füllen, waren Marie und Ferdinand Hannes, Lu Fritsch, Adolf Droop und Willy Einsle. Vor allem am Beginn eines brieflichen Dialogs zeigt sich der May-ster in seinen Antworten oft geschmeichelt und von seiner liebenswürdigen Seite.

Ein schwaches, dünnes Kinderstimmchen, das ganz verkehrte Wörter lallt

Doch wenn sich jemand so mit allen Fasern kindlicher Begeisterung hineinstürzt und eine Herzensbeziehung fast erzwingen will mit dem Objekt ihrer Sehnsucht wie die durch ein Rückenleiden schwer belastete Marie Hannes, kann sich das Blatt abrupt wenden und May das berauschte Mädchen böse und rücksichtlos zurückstoßen. Als sie ihm 1903 eigene literarische Gedicht- und Prosaversuche zusendet, gerät der durch die Zeitungshetze und Gerichtsverfahren schon tief verletzte May in heftigen Zorn: "Ich werde angegriffen, verleumdet, von tausend willensstarken, erfahrenen Gegnern und der ganzen, fürchterlichen Macht der Presse bekämpft. Ich stehe still und ruhig mitten in dem Kampfe, mir selbst genug . . . Da plötzlich will ein schwaches, dünnes Kinderstimmchen, welches ganz verkehrte Wörter lallt, sich mein erbarmen, und warum? Wozu? Das Kind will von sich sprechen machen! Weiter nichts! Es will mit "Onkel Karl" dicke thun! Weiter nichts!"

Es folgt dann eine wüste Analyse des Wortschatzes und der verunglückten Formulierungen seiner, zugegeben, kindlichen Verehrerin in ihren literarischen Produkten von enormer Aggressivität. Nein, das sind in vielem keine sehr sympathischen Zeilen, die der Prediger von "Menschheitsseele" und dem "Reich des Edelmenschen" da schreibt. Schnell springt dann Klara May ein und vermittelt, fängt ab oder redet gut zu, so dass die Verbindung zur unglücklichen Marie doch nicht abreißt. Zwei Jahre später gelang es der jungen Bewunderin dann, doch wieder Kontakt zum Idol aufzunehmen, sie besuchte die Mays sogar in Radebeul.

Der Lüneburger Literaturwissenschaftler Hartmut Vollmer, der mit anderen versierten Karl-May-Forschern wie Hans-Dieter Steinmetz, Florian Schleburg und Wolfgang Hainsch diesen Briefwechsel vorbildlich herausgeben hat, betont in seinem ausgreifend informativen Vorwort, dass diese "Briefe nicht nur wichtige und spannende, auch bewegende, sehr private Einblickein die von stetigen inneren und äußeren Konflikten geprägte 'brüchige' Persönlichkeit" Mays bieten. "Sie dokumentieren überdies das für Mays Biografie sehr bedeutende Engagement der 'Kinder' für den literarischen "Outlaw" und ihre unermüdlichen, z. T. recht abenteuerlichen und auch fragwürdigen Bemühungen, den vielfach beschuldigten und geschmähten Schriftsteller öffentlich zu rehabilitieren."

So lässt sich in dieser bemerkenswerten Briefedition alles Mögliche an Gefühlsstürmen und -abstürzen, an hoch auffliegenden Wunschbildern eigener literarischer Existenz ebenso finden wie Lebensverzweiflung, Selbstmitleid, Gesundbeterei und immer wieder jene Selbstüberschätzung, wie sie Karl May ja nahezu manisch betrieb, die aber auch seinen fünf Fans nicht fremd war. Tatsächlich liest sich dieses Briefekonvolut daher mit erhellender Spannung, weil selten Wünsche und Enttäuschungen, Zuneigungsdurst und Abweisungsstrenge, Hilferufe und Rettungsversuche so offen zutage liegen wie in diesen Zeugnissen einer Kultur, in der Fans und ihr Idol sich geradezu gefährlich nahe kommen.

Karl May: Briefwechsel mit seinen "Kindern". Erster Band 1896-1909. Briefe von und an Lu Fritsch und Adolf Droop, Marie und Ferdinand Hannes sowie Willy Einsle. Hrsg. von Hartmut Vollmer, Hans-Dieter Steinmetz, Florian Schleburg, Wolfgang Hainsch. Karl-May-Verlag, Bamberg, Radebeul 2020. 608 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 31.07.2020

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